Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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W. DÖRPFELD

V. Das hellenistische Theater und das griechische
Theater Vitruvs.
Puchstein sagt auf S. 3 seines Buches: «Es besteht meines
Erachtens nicht der geringste Widerspruch zwischen Vitruv und
den echt griechischen Skenen» und fügt zur Bekräftigung hinzu:
«und das sage ich nicht zur Beschwichtigung bestimmter Leser-
kreise, sondern meine es wirklich und ohne jeden Hinterge-
danken». In demselben Sinne sagt er auf S. 140: «Einen von
den vitruvianischen Regeln abweichenden Typus vermögen wir
überhaupt nicht zu konstatieren.» Er tritt damit auf die Seite
von E. Bethe, der früher (Hermes XXXIII, S. 320) behauptet
hatte, dass «der kleinasiatische Theatertypus in Wirklichkeit
nicht ein neuer Typus, sondern mit dem hellenistischen in der
Hauptsache identisch» sei. Denn unter den «echt griechischen
Theatern» versteht Puchstein dieselben Ruinen, welche Bethe
und ich hellenistisch nennen, und der kleinasiatische Typus
Bethes ist das griechische Theater der römischen Zeit, über
dessen Übereinstimmung mit den Angaben Vitruvs keine
Meinungsverschiedenheit zwischen uns besteht.
Ich glaubte die Behauptung Bethes in dieser Zeitschrift
(XXIII, 1898, S. 326 ff) widerlegt zu haben. Da Puchstein sie
aber aufs bestimmteste wiederholt, ohne auf meine Gegenbe-
weise zu achten, halte ich es für meine Pflicht, nochmals kurz
zusammenzustellen, worin das hellenistische Theater von dem
Theater Vitruvs (dem «griechisch-römischen» oder «kleinasia-
tischen» Typus der Ruinen) abweicht, und worin sie überein-
stimmen.
1.) In dem hellenistischen Theater ist die Skene ein zweige-
schossiges Gebäude, dessen unteres Stockwerk durch eine vor-
gestellte Säulenreihe, das Proskenion, als Hauptgeschoss be-
zeichnet ist. Das Obergeschoss ist ohne Säulen. Ein drittes
Stockwerk hat es, soweit wir wissen, in keinem Theater ge-
geben. Im griechischen Theater Vitruvs und in den griechisch-
römischen Ruinen hat die Skene dagegen stets mehr als zwei
Geschosse und reicht meist bis zu derselben Höhe hinauf, wie
der Zuschauerraum. Ihr Untergeschoss hat in den erhaltenen
Ruinen keine Säulen und auch Vitruv weiss nichts von solchen;
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