Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 28.1903

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W. DORPFELD

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wir geglaubt hatten, dass Vitruv mit seinem theatrum Grae-
corum das hellenistische oder gar das altgriechische Theater
beschreibe. Der römische Architekt spricht offenbar, wie schon
früher Schönborn und Wieselet' gesehen hatten, vom griechi-
schen Theater seiner eigenen Zeit, nämlich von den uns wohl-
bekannten Theatern mit hoher und schmaler Bühne. Vitruv
schreibt keine Geschichte des griechischen Theaters und küm-
mert sich daher nicht um ältere Theaterformen, sondern giebt
den Architekten seiner Zeit Vorschriften zum Bau der beiden
Theaterarten, welche damals innerhalb und ausserhalb Roms
allein gebaut wurden. So beschreibt er das Theater mit niedri-
ger und breiter Bühne, den gewöhnlichen römischen Typus,
und das Theater mit hoher und schmaler Bühne, das wir das
griechisch-römische nennen.
Der ganze Sachverhalt ist so klar, dass die Folgerung mit
Bestimmtheit gezogen werden darf: Vitruvs Angaben sind für
die Theater seiner Zeit vollkommen zutreffend, sie dürfen aber
nicht in Betracht gezogen werden, wenn das griechische Theater
der vorrömischen Zeit zu deuten oder zu ergänzen ist. Wie das
echt griechische Theater aussah und wie in ihm gespielt wurde,
haben wir aus den erhaltenen vorrömischen Ruinen zu ermitteln,
unter voller Berücksichtigung aller Anhaltspunkte, welche die
gleichzeitige Literatur liefert. Die monumentalen und literari-
schen Quellen lehren aber übereinstimmend, dass das griechische
und das hellenistische Theater keine Bühne hatten, dass Schau-
spieler und Chor in vorrömischer Zeit stets in der Orchestra
auftraten und dass das säulengeschmückte Proskenion den Hin-
tergrund bildete für ihr gemeinsames Spiel. Man sollte meinen,
dass diese Lösung mit Freude begrüsst worden wäre und bald
allgemeinen Anklang! gefunden hätte. Das Buch Puchsteins
überzeugt uns vom Gegenteil. Die Lösung wird vollständig ab-
gelelmt. Alte Irrtümer, die längst abgetan schienen, werden
wieder aufgenommen.
In der Entwicklung der Bühnenfrage bedeutet der neue Lö-
sungsversuch Puchsteins meines Erachtens keinen Fortschritt.
Dass ein so sicheres Ergebnis der bisherigen Forschung, wie
das Zusammenspiel von Chor und Schauspielern im V. Jahr-
hundert, in dem Buche verdächtigt wird und unberücksichtigt
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ATHEN. MITTEILUNGEN XXVIII.
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