Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 37.1912

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FR. W. V. BISSING

2. OrientalischeWeiligeschenke in Delphi. Per-
drizet hat im BCH. 1896, 604 f. und Taf. XXX11, ferner in den
Fouilles de Delphes Band V S. 22 ff. eine angebliche Tridacna-
muschel mit Gravierung besprochen. Bei genauerer Betrach-
tung stellte sich das Bruchstück, dessen auffallend schweres
Gewicht sofort Verdacht erregt, als aus weissem dichtem
‘orientalischem Alabaster’ gearbeitet heraus; der Stein ist
völlig verschieden von dem assyrischen Alabaster und gleicht
gewissen in Aegypten vorkommenden Arten. Er ist halb-
durchsichtig. Ich glaube man wird für dieses Exemplar, das
die gravierten echten Muscheln in einem äusserlich ähnli-
chen Material nachahmt, ganz sicher Aegypten als Ur-
sprungsland annehmen dürfen b
Eine Einzelheit scheint dem Herausgeber entgangen zu
sein: die Nase ist durchbohrt. In mehreren kleinen Vertie-
fungen sitzen Reste von Metallfüllungen, z. B. an den Augen,
unter dem Mund, am Kopf, auf der rechten Backe und am
Hals. (Die Abbildung fig. 98 a lässt einzelne Stellen deutlich
erkennen). Eine bandartige Vertiefung über der Stirn setzte
wohl das gravierte Stirnband fort und war mit Metall ge-
füllt. Spuren von Grünspahn finden sich auch in den Ritzen
der Zeichnung. Man möchte glauben, dass die ‘Muschel’ teil-
weise oder auch ganz mit Gold überzogen war, das mit den
kleinen Bronzenieten befestigt war.
Wenn für dieses Stück aegyptische Herkunft sehr wahr-

sind. Den neuen Tempel stellte man, um den alten heiligen Bezirk nicht
zu stören, zur Seite. Ähnlich scheinen die Dinge in Argos zu liegen, wo
Vollgraff in dem fast völlig zerstörten Rundbau auf der Aspis mit grosser
Wahrscheinlichkeit ein Heroon erkennt.
1 Ich halte also an meiner bei Furtwängler, Aegina S. 428 ausgespro-
chenen Ansicht bis auf weiteres gegen Prinz, Naukratis 102 fest, dass die
Tridacnamuscheln in Aegypten zu localisieren sind. An ‘Vorderasien’ zu
denken ist nach dem Stil gar kein Grund, an Kreta (wo ein ähnlicher
‘Alabaster’ verarbeitet worden ist) wird man aus chronologischen und sti-
listischen Gründen nicht glauben wollen. Immerhin verdient die so viel
ich weiss bisher übersehene Tatsache Beachtung, dass unter den Funden
aus Mykenai eine kleine Elfenbeinnachbildung einer ungravierten Tri-
dacnamuschel sich findet (Stals, Collection Mycenienne S. 113, Nr. 2966:
piece en os simulant la moitie d’une coquille).
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