Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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WILHELM DÖRPFELD

Datierung mag hier erinnert werden: Ich brauche nicht mehr
zu dem bedenklichen Rettungsmittel zu greifen, zu dem die
jetzt herrschende Homerforschung noch immer ihre Zuflucht
nimmt, nämlich zu der Annahme, daß ‘Homer bewußt alles
verschweige’, was sich in den Ietzten vier Jahrhunderten ereignet
hatte, und daß er absichtlich eine längst vergangene Kultur
schildere. Daß kein antiker Dichter jemals etwas Derartiges
getan hat, werde ich noch darlegen.

Es ist also eine unwahre und ungerechte Beschuldigung,
wenn man mir vorwirft, daß ich, um meine Ansicht über die
Zeit Homers oder meine Leukas-Ithaka-Theorie zu retten, die
Chronologie und andere Dinge auf den Kopf stelle. Meine
Chronologie der älteren griechischen Kunst beruht, wie alle
Archäologen wissen, in erster Linie auf meiner Untersuchung
des Heraions von Olympia und hat sich später, wie wir sehen
werden, bei meinen weiteren Ausgrabungen und Studien immer
mehr bestätigt.

Eine zweite, ebenso schwere allgemeine Beschuldigung
erhebt Watzinger gegen mich mit dem Satze (S. 11): ‘Hier
(bei der Frage nach der zeitlichen Stellung der verschiedenen
Topfarten) setzt sich Dörpfeld dauernd in Widerspruch zu den
Tatsachen des archäologischen Befundes.’ Auch gegen diesen
ungerechten Vorwurf muß ich ernstlich protestieren. Ich wäre
ein unwürdiger Vertreter deutscher Wissenschaft im Auslande,
wenn ich auch nur in einem einzigen Falle mich einer Theorie
zuliebe mit dem Tatbestande der Ausgrabungen in Widerspruch
gesetzt hätte. Und das soll ich nach Watzinger ‘dauernd’ tun?
Ich weiß nicht, womit er diese Beschuldigung, die er leider
anderen nachspricht, begründen will.

Selbstverständlich betrachte ich den archäologischen Befund
stets als sichere Grundlage für alle meine Forschungen und
benutze ihn immer wieder, um meine Ansichten zu priifen und
gegebenenfalls zu verbessern. Daher sind meine Theorien über
Homer und iiber die älteste griechische Kunst mit dem archäo-
logischen Befunde in vollem Einklang. Da Watzinger das
Gegenteil behauptet, muß ich ihn bitten, mir die Fälle zu
nennen, wo meine Ansichten nach seiner Meinung zu dem
archäologischen Befunde in Widerspruch stehen. Vorläufig
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