Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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WILHELM DÖRPFELD

dem Pharao ‘mykenische’ Schätze bringen, Bewohner der Insel
Kreta seien (D. Fimmen, Die kret.-myken. Kultur 2 1924, 181).
Zum Beweise hierfür pflegt man darauf hinzuweisen, daß ähn-
liche Männer und Frauen mit kostbaren Schätzen, wie sie in
jenen Wandgemälden vorkommen, auch in den Palästen von
Kreta abgebildet sind und daher Kreter sein müssen. Dabei
vergißt man aber, daß auch in den Palästen der Argolis die-
selben Vasenträger gemalt sind und daher ebenso gut auch
Argiver sein könnten. Offenbar handelt es sich an allen drei
Orten um Fremde, nämlich um Phönikier, die ihre Schätze in
viele Länder des Mittelmeeres brachten, nach Ägypten, nach
Kreta, zur Argolis. Die Keftiu sind, wie längst bewiesen ist
(Dörpfeld-Rüter, Homers Odyssee 1924, 314), keine Kreter,
sondern Orientalen; sie sind die aus Arabien und von seinen
InseJn stammenden phönikischen Bewohner von Tyros und
Sidon. Es war ein unverzeihlicher Fehler, daß man die wichtige
zweisprachige Inschrift von Kanopos, die Phönikien und Keft
gleichsetzt und damit dem herrschenden Dogma direkt wider-
spricht, für ‘wertlos’ oder für den ‘Irrtum eines Schreibers’
erklärt hat (D. Fimmen, a. a. O. 1924, 181 und R. Dussaud,
Civilisations prehell. 1910, 121). Und es war ein ebenso schwerer
Fehler, daß man dem Homer nicht geglaubt hat, wenn er uns
Sidonier und Phönikier als Verfertiger und Bringer der Schätze
der achäischen Könige nennt.

Irrtiimlich ist ferner Watzingers Behauptung (S. 3), daß ich
für die Zeit um 1700 zugleich mit der Zerstörung der älteren
Paläste Kretas ‘einen völligen Wechsel nicht nur der Kultur
und Kunst, sondern auch deren Träger’ annehme. In Wirklich-
keit lasse ich die älteren Paläste mit ihren vorgriechischen
Herren nach 1700 noch mehrere Jahrhunderte Iang bestehen
und glaube, daß ihre Inhaber neben der einheimischen Kamares-
Kunst von orientalischen Händlern prächtige mykenische Vasen
und andere Kunstgegenstände bezogen und sich ebenso von
orientalischen Künstlern die Wände ihrer Paläste mit natura-
listischen Blumen, Tieren und Menschen bemalen ließen. Erst
um die Mitte des II. Jahrtausends wurde der ältere Palast von
Knossos meines Erachtens von einem anderen Volke erobert,
und dies Volk waren die Achäer, die Homer in Kreta kennt.
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