Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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DIE ALTGRIECHISCHE KUNST UND HOMER

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tempel erbaut worden wären, und soll sofort begonnen haben,
die neuen hölzernen Säulen durch steinerne zu ersetzen. Da
man aber nicht eine ganze Reihe, sondern nur einzelne Säulen
hier und dort in Stein erneuert hat, kann diese Erklärung
nicht richtig sein. Ebenso unhaltbar scheint mir ein neuerer
Erklärungsversuch von Q. Rodenwaldt (AM. XLIV 1919, 183).
Meiner Schlußfolgerung, daß ein Holztempel, dessen Säulen
schon im VII. Jh. als baufällig in Stein ersetzt worden sind,
mehrere Jahrhunderte vorher gebaut sein müsse, glaubt er sich
dadurch entziehen zu können, daß er griechische Holztempel
überhaupt leugnet und die Theorie aufstellt, daß wir uns den
griechischen Tempel im allgemeinen ‘von Anfang an in und für
Stein konstruiert zu denken’ haben. Man habe jedoch in Olympia
ausnahmsweise die Ringhalle des Tempels aus Holz gebaut, und
zwar wahrscheinlich nur deshalb, ‘weil man geeignet erscheinen-
des Holz in der Nähe hatte und sich auf die Steinbearbeitung
noch nicht recht verstand’. Man soll sich ferner bei den Holz-
säulen ‘ängstlich an die Formen der Steinsäulen angeschlossen’
und ‘das Kapitell von einer der damals noch stehenden Fassaden
eines mykenischen Kuppelgrabes kopiert haben’. Rodenwaldt
beachtet dabei nicht, daß erstens alle mykenischen Vollsäulen
aus Holz bestanden und wir ihre Formen nur aus Wand-
malereien und aus steinernen Reliefs mit Halbsäulen kennen;
daß zweitens die Formen des sogenannten dorischen Stils sicher
am Holzbau entstanden und später in Stein nachgemacht worden
sind; daß es drittens nach der Überlieferu'ng und nach den
Bauresten (z. B. in Olympia, in Thermos und in Tegea) viele
alte griechische Tempel gegeben hat, die zuerst Holzsäulen
hatten und erst später Steinsäulen erhalten haben. Der Ersatz
der hölzernen Säulen durch steinerne ist ferner beim Heraion
sicher ganz allmählich erfolgt, denn die wenigen gleichen Stein-
säulen stehen nicht nebeneinander, sondern sind unregelmäßig
auf verschiedene Seiten des Tempels verteilt. Daher kann die
Erneuerung nur aus dem Grunde stattgefunden haben, weil
einzelne der starken aus Eichenholz bestehenden Säulen bau-
fällig geworden waren. Daß dazu mindestens einige Jahr-
hunderte notwendig waren, lehrt uns nicht nur die allgemeine
Erfahrung, sondern zeigt uns das Heraion selbst dadurch, daß
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