Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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LEO WEBER

befremdlich, daß das eine der Skolien Hipparchos ävÖQct rv-
Qavvov nennt, denn auch bei Thukydides,. obwohl er die Le-
gende von der Erstgeburt des Hipparchos zerstören will, werden
zweimal, einmal in der Grabschrift der Archedike (VI 54, 5;
59, 3) die Söhne des Peisistratos tvqclvvoi genannt: vielmehr
ist an allen drei Stellen rvQctvvoq in gleichem, mehr allgemein
gehaltenen Sinne zu verstehen. Anders aber ist die Bedeutung
des Wortes in der abweichenden, zweimal gebrauchten Fassung
ots (bez. oti) tov tvqclvvov xt<xv£t?]v. Nicht bloß wird Hipparchos
in beiden Skolien überhaupt nicht genannt, auch der Artikel
zeigt, daß 6 TVQawog hier in prägnantem Sinne als der eigent-
liche Herrscher und alleinige Inhaber der Gewalt gemeint ist.
So kann man an den verschiedenen Fassungen der Skolien die
allmähliche Bildung der Legende, nach der Hipparchos der
TVQawoq xax igoxtfv und der älteste der Söhne war, noch ver-
folgen. Auch diese Beobachtung weist auf das hohe Alter der
Skolien hin 1.

Der Kult der Tyrannenmörder zeigt einen für jene frühe
Zeit auffallenden Überschwang, der nur durch die helle Freude
über die Befreiung von der Tyrannis seine Erklärung findet.
Noch deutlicher als die literarische Überlieferung zeigt die monu-
mentale Tradition, daß er schon bald nach ihrem Tode ein-
gerichtet sein muß. Und hier handelt es sich um feststehende
Tatsachen. Auf der Agora werden ihre Bildsäulen errichtet:
als das Werk Antenors von Xerxes nach Susa entfiihrt ist,
werden bereits unter dem Archon Adeimantos (477/6: Marm.
Par. Ep. 54 = IG. XII 5, S. 108) die neuen, von Kritios und Ne-
siotes angefertigten Statuen am Platze der alten aufgestellt.
Geschah das so bald nach der Wegfiihrung der älteren Gruppe,
so wird auch deren Aufstellung nicht lange nach der Vertrei-
bung der Peisistratiden erfolgt sein. In allen wesentlichen Zügen

1 Die Polemik Belochs gegen v. Sterns Ausführungen (Hipparchos
und Themistokles: Herm. LV 1920, 311 ff.; vgl. bes. 314) vermag das von
mir Gesagte nicht umzustoßen. Ist die Behauptung, wie ich glaube,
richtig, die Skolien seien als Variationen desselben Themas zu betrachten,
so muß man sie auch als Zeugnis für die von Hipparchos allmählich
sich bildende falsche Auffassung, er sei nach seines Vaters Tode der
eigentliche Tyrann gewesen, betrachten.
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