Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 50.1925

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ELFENBEINRELIEF AUS KLEINASIEN

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worben worden. Das kleine Weihgeschenk war auf einer Platte,
wahrscheinlich aus Holz, befestigt, wie das Loch oben und die
drei Löcher unten beweisen; denn als Amulett wird es schwer-
lich getragen sein. Dem Stile nach ist es kaum jünger als jene
boiotische Vase. Es kann keine Frage sein, daß auch hier die
dtöjtoLva äyQLcov &?]qcöv dargestellt ist, wie Anakreon die große
Göttin von Leukophrys einst besungen hat. Nur eines fällt
gegenüber der boiotischen Gestalt sofort auf, daß sie geflügelt
ist, wie die große, früher ‘persische Artemis’ genannte Natur-
göttin so oft in Bildern, auf Reliefs und Vasen 1, erscheint, und
zwar nicht mit aufgebogenen Flügeln, die Furtwängler in Roschers
Lexikon I 1758 als eine Eigenheit altgriechischer Kunst erwiesen
hat, sondern mit geraden. Die Göttin, die hier eine niedrige
Kopfbedeckung trägt, hält mit der Rechten einen großen Wasser-
vogel mit ausgebreiteten Flügeln, mit der Linken ein zappeln-
des Reh oder ein Hirschkalb am Halse gepackt. Ihr eng ge-
gürtetes, langes, kurzärmeliges Gewand ist unterhalb der Hüften
mit einfachen linearen Ornamentstreifen verziert. Das Relief
wird oben von einem Streifen begrenzt, auf dem (von rechts
nach links) die Sonne, fünf Sterne und eine Mondsichel ab-
gebildet sind. Dadurch ist die Göttin als ovQavirj bezeichnet,
während sie selbst am Strande des Meeres zu stehen scheint,
das durch drei in ihm schwimmende Fische bezeichnet ist, also
auch hier eine Göttin der gesamten Natur. Dem auf dem
Gewande der boiotischen Göttin abgebildeten großen Fische
entsprechen hier drei in den Wellen. Als einzige Analogien
für die Darstellung von Sonne und Mond in Verbindung mit
einer Gottheit sind mir nur zwei große Goldringe aus Mykenai
und Tiryns (Karo, Religion des ägäischen Kreises, Abb. 72. 87)
bekannt, auf denen die Kulthandlung für die unter einem Frucht-

und die durchbrochene Technik äußerst zerbrechlich war. Das Relief
ist für diese Technik überraschend stark modelliert, die Innenzeich-
nung leicht oder tiefer geritzt. Als Fundort wird die Umgegend von
Smyrna angegeben. Von zeitgenössischen Elfenbeinreliefs und anderen
Werken der Kleinkunst (aus Ephesos, Rhodos, Sparta u. a.) unterscheidet
sich unser Plättchen durch die Flügelbildung und die ganz singuläre
Stellung der Füße mit nach außen gedrehten Spitzen. G. K.].

1 Das ganze Material gut gesammelt und besprochen von G. Radet
a. a. O.

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