Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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Denn eben so irrig ist es, die alemannische Eroberung des
Vorlandes sich in der Weise vorzustellen, als ob die Sieger alle
Vorgefundene Kultur darin zerstört und die ganze keltisch-
r ömische Be v ö lkcrun g vertrieben hätten. Sie vertrieben nur,
was zum Heer und zur Beamtenwelt gehörte, und zerstörten nur
die Befestigungen und andere öffentliche Gebäude. Freilich wird
auch der Landmann da und dort viel verloren und gelitten
haben; aber man verjagte denselben nicht, man unterjochte
und manzipierte ihn blos.
Natürlich siedelten sich die alemannischen Familien in den
wohlgelegenstcn, für ihren Fruchtbau und ihre Viehzucht
geeignetsten Gegenden an; die anderen überließ man der alten
Bevölkerung. Diefe flüchtete sich daher meistens in die Hin-
teren THLler, in die Moos- und Hardgegendcn, wo man ihre
Nachkommen noch jetzo deutlich erkennt.
Die keltisch-römische Bevölkerung zeichnete sich durch
gedrungene Gestalt, dunkle Haut, braune Angen und schwarzes
Haar aus, die alemannische dagegen durch schlanken Wuchs,
weiße Haut, blaue Augen und blondes Haar. Es bestanden seit
damals in unserem Vaterlande also eine Helle und eine dunkle
Menschenrace, welche sich lange Zeit unvermischt neben einander
erhielten; denn zur einen gehörten die Sieger, die Herren, die
Freien, zur andern die Besiegten, die Diener, die Unfreien.
Erst später, als diefer Unterschied seine Schroffheit verloren,
trat allmälig eine Vermifchung ein; aber doch wieder nur in
foweit, daß bei der unvertilgbaren Natur der Racen sich in den
Familien die Helle oder die dunkle immer wieder einmal in
ihrer Reinheit herausstellte, was noch fortwährend geschieht.
Erblicken wir in dem gesegneten Nheinwinkel zwischen dem
Mainfluße und dem Bodensee nun das Terrain, aus welchem
der badische Staat seit den Zeiten der Zäringer sich gebildet
und zum gegenwärtigen Umfange ausgedehnt, so erscheint uns
darin der Hauptbestandtheil jenes römischen Vor- oder
Gränzlandes nach dem langen Verlaufe von anderthalbtausend
Jahren wieder als ein politisches und volksthümliches, in sich
zusammenhängendes Ganze.
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