Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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was zur Zertheilung von Grund und Boden führte; die geist-
lichen dagegen wollten wenige, aber große Bauern, und wider-
setzten sich der Gütertheilung mit allen gesetzlichen Mitteln.
Natürlich siegte das erstere System, welches später durch die Einfüh-
rung des franzöfischenGefetzes seine volle Herrschaft erlangte.
Zn neuerer Zeit aber hat man für nöthig gefunden, auf das Zu-
sammenlegen der Güter wieder zurückzukommen*).
Sodann sollte neben dem Landmanne auch der Stadt-
bürger wieder gehoben werden. Denn die städtischen Gemein-
wesen waren großentheils sehr herabgekommen, sehr in's Klein-
liche und Aermliche versunken, während ihre Anzahl noch immer
auf eine Weife zugcnommen, welche nur Pflanzstätten des Pro-
letariats bilden konnte. Wie manches der neueren Landstädt-
lein befaß eine ganz geringe oder fast gar keine Gemarkung.
Solchen Gemeinden, wie den rauheren Berg- und Wald-
gegenden, suchte man durch Einführung der Industrie zu
helfen, welche in fremden Ländern bereits eine Quelle des Wohl-
standes geworden. Bei einigen gelang der Versuch; aber alle
diese Bestrebungen wurden jetzt durch die Erschütterungen des
französischen Staatsumsturzes leider auf lange und auf
eine tiefgreifende Weise unterbrochen.

Es war viel zu weit gegangen, als man gegenüber der strengen Ge-
bundenheit der Bauernhöfe, welche bet uns oft 300 bis 400 Jauchcrten an
Aeckern und Wiesen umfaßten, das Heil der Landwirthschaft in der völligen
Freiheit des Bodens finden wollte. Im praktischen Mittelalter bestanden
neben den vielen Theilgütern überall ansehnliche geschlossene Hofgüter
und diese eben retteten den deutschen Bauernstand während der wachsenden Gebiets-
zerstückelung und all' des Mißgeschickes, welches denselben von jeher verfolgte.
Da schlich sich mit der Lockerung des Lehenverbandes das Zerschlagen der
Güter ein, wogegen die Regierungen bet uns schon seit der Mitte des vorigen
Jahrhunderts verschiedene Verordnungen erließen. Indessen gewann die Lehre von
der G ütertheilung und Volks Vermehrung gleichwohl immer mehr Einfluß.
Sie wurde von gewißen Leuten fast leidenschaftlich gepredigt und gegen alle Be-
denken in Schutz genommen. Ihr endliches Ergebniß aber führte zum Unter-
gänge der kleinen Bauern und nöthigte die gedrängten Bevölkerungen, sich
etliche Jahrzehente lang durch massenhafte Auswanderung wieder Luft zu
machen.
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