Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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lich mehr Wirklichkeit abspiegle und ungleich mehr achter Kunst-
gehalt entfalte, fuhr die Dame fort: „Dem Schiller war
das Leben des Geistes und die Veredlung desselben das Höchste.
Er hat es nicht unterordnen können -- den Lockungen und Ge-
nüssen der Welt. Darum ist er die edlere Natur von beiden.
Göthe hat aber einen tieferen Blick in das menschliche Herz,
in die Geheimniße des Lebens gethan. Ich begreife nicht, wie
so viele Leute behaupten mögen, er sei ohne Gemüth gewesen.
Der schärfste Verstand vermag es nicht, in gewisse Tiefen zu
dringen, und es gibt Dinge, wie ein Dichter sagt, welche man
nur mit dem Herzen verstehen kann. Diese Dinge hat Göthe
empfunden und verstanden; allein die Opfer, welche sie forder-
ten, wollte er nicht bringen. Die Welt hat ihn verdorben; er
hat feine hohen Geistesgaben nicht verwendet, wie Schiller,
sondern der gemeineren Seite des Lebens nachgegeben, sie ge-
nossen und benützt."
„Aber das Alles mit göttlicher Meisterschaft", warf jener
Herr wieder ein und fügte einige kühnen Bemerkungen über die
Verschiedenheit des Geistreichen in den Werken beider Dichter
bei. Während sich nun die übrigen Damen darob entfezten, stund
ihm unsere Sprecherin ruhig zur Antwort bereit.
„Es ist wahr, versezte sie, Göthe erscheint auch mir so
ungewöhnlich geistreich, daß ich ihn bestaune; allein er ziehet
mich nicht an, er kommt mir zu vornehm, zu weltlich vor, und
hat so Mancherlei gethan, was gerade nichts Schlimmes fein mag,
was aber Schiller nicht gethan haben würde. Es spricht in mei-
nem Herzen ebenso viel gegen als für ihn, und doch berührt
mich's immer unangenehm, 'wenn er getadelt wird, weil es ge-
wöhnlich auf ungerechte oder ungeschickte Weise geschieht."
Von einer andern Dame wurde nun Börne als Waffe
gegen den Nebcnbuler Schillers gebraucht, wogegen der Göthe-
freund, nicht ohne einzelne schlagende Bemerkungen, den ehema-
ligen Karlsschüler als einen formellen, von studentischer Schwär-
merei erfüllten, von kantischer Philosophie berükten Kopf hin-
stellte, in dessen Geistesschwung der ganze Zauber seiner
Arbeiten lige, während er an Kenntnihen, an Begriffen, und
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