Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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Gleichwohl fand seine Predigt allgemeinen Beifall unter den
Anwesenden, und die Wiederholung derselben hatte einen rasch sich
mehrenden Zudrang zur Folge. Jetzt betonte er besonders seine
göttliche Sendung: „Ihm sei die Gewalt verliehen, einen
Ablaß aller Sünden zu ertheilen, selbst die Seelen aus der
Hölle zu befreien. Durch sein Gebet habe er bewirkt, daß
Wein und Korn jüngst nicht erfroren. Mit eigener Hand werde
er jede Seele aus der Hölle führen — nicht aus dem Fegfeuer;
denn mit demselben sei es Nichts. Seien Papst und Kaiser
fromm, so fahren sie unmittelbar zum Himmel, seien sie bös,
so fahren sie unmittelbar zur Hölle."
Dieses brachte ihn auf das Kapitel der Geistlichkeit
überhaupt, welche sich seines Lobes gar nicht zu erfreuen hatte.
„Eher wolle er einen Juden bessern, denn einen Pfaffen,
und wenn einer derselben ihm auch Glauben schenke, so werde
es, wie er wieder heim zu seines Gleichen komme, mit ihm nur
noch schlimmer. Sie hätten zu viel Pfründen; es sollte
einer nicht mehr als eine haben. Mit ihrem Banne sei es Nichts,
eben so wenig damit, daß sie die Ehe scheiden; dieses komme
Niemanden zu, denn Gott dem Herrn allein" ^).
„Und wenn sie ihn für seine Worte als Ketzer verbrennen
wollen, so wissen sie nicht, was ein Ketzer sei, sonst würden sie
sich selbst als solche erkennen. Verbrennen sie ihn aber, so
werden sie inne werden, was sie gethan, und es werde die Strafe
dafür nicht ausbleiben. Ja, in kurzer Zeit, wenn sic nicht ab-
stehen von ihren Lastern, werde die ganze Welt ihretwegen Noth
leiden; bald werde es dahin kommen, daß allegetödtet würden,
und wer deren dreißig tödte, dem werde es zum Verdienste ange-
rechnet. Gerne möchten sie dann ihre Platte bedecken mit der
Hand, daß man sie nicht erkenne und zur Strafe ziehe."
Daß der Jüngling auch nach solchen Reden unter dem be-
sonderer Schutze des Pfarrers von Nicklashausen blieb, gibt
5) Ganz eigentümlich ist dieser Satz, da ja doch die katholische Kirche ganz
besonders auf die Unauflöslichkeit der Ehe dringt. Sollten Erinnerungen
an Ehescheidungen der Fürsten aus Verwandtschaftsgründcu hier wirksam ge-
wesen sein?
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