Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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Habe, Garn, Getüch, Betten, Kupfcrgeschirr, Silber — kurz
Alles, was Geld gab, zu veräußern. Als die Schwestern nach
Hanse zurückkehrten, standen etwa sechs Jauchert reifer Früchte
im Felde, wozu die Priorin nirgends Schnitter bekommen
konnte. Die gute Frau weinte, wurde jedoch von der entschlos-
senen Verena mit den Worten getröstet: „Habet doch ein Herz;
wir wollen die Frucht nit im Felde stehen lassen, sondern selbst
schneiden und heim thun."
Dies geschah denn auch. Verena, zwei Schwestern und
die Klostermagd machten sich mit Beihilfe eines alten Weibes an
die Arbeit. „Morgens um 6 Uhr", erzählet erstere, „haben wir
anfangen zu schneiden, und um 1 Uhr hat uns die liebe Mueter
Priorin das Essen auf ihrem Kopf gebracht. Nach 12 Uhr
haben wir die Frucht gesammelt, und um 3 Uhr mit einem
schwarzen Stier heimgeführt. Die Magd ist gefahren und die
Priorin hat den Stier mit einer Gerten gestupft. Abeuds
haben zwei Schwestern noch Zehentgarben von Neuhausen
auf ihren Köpfen geholet."
„Das hat 13 Tage so gewährt, und am St. Dominikabend
haben wir Alles in's Haus bracht mit Freud' und Frieden. Da
hat uns die Mueter Priorin in Essen und Trinken desto besser
gehalten. Viele Leut' haben wir erbarmet, andere haben uns aus-
gelacht; und hat der Herr Amtmann Rainer gesagt, er wolle
es abmalen lassen, dessen zu einem Gedächtniß."
Die momentane Ruhe gewährte Muße, auch den innern
Angelegenheiten des Klösterleins wieder einmal einige Auf-
merksamkeit zu schenken. Es kam ein Magister Provincial von
Rothwell, die Ordensschwestern „väterlich Heimzusuchen" und
die übliche Visitation abzuhalten. Bei dieser Gelegenheit bat die
Priorin den hochwürdigen Herrn, ihr die Schwester Verena zu
einer Gehülfin zu bestellen. Der eifrige Mann gieng aber noch
weiter; er versammelte das Capitel und ernannte die umsichtige
und schriftgewandte Schwester, ganz ohne Vorwissen der An-
dern, zu einer Subpriorin.
Das gab dann böses Blut; die Schwestern, und selbst die
Priorin geriethen, als sie nach des Provincials Abreise die
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