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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0122

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Rolf Nierhaus

seinen Bedürfnissen lebenden Personen bürgerlichen Standes? Zur Klärung dieser Frage
kann die einfache Keramik einiges beitragen (die Sigillaten bleiben im folgenden außer
Betracht).
Revellio betonte oben mehrfach das starke Weiterleben der einheimischen Spätlatene-Tradition in
der Keramik (vgl. z. B. die Bemerkungen zu A 5; B II 8. 10. 11; B III 1; B IV laufend, sowie
S. 108). Dieser Gesichtspunkt ist weithin richtig, aber nicht durchweg, wie ein kurzer, skizzen-
hafter Versuch, die Keramik nach Technik, Dekor und Formen zu kennzeichnen, zeigen wird. Im
ganzen ist gegenüber der Spätlatene-Tradition der Hang zur Vereinheitlichung und Formver-
armung, der sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts allenthalben bemerkbar macht, auch hier deutlich
zu spüren.
T echnisch sind die rauh- und glattwandigen Töpfe und die Nigra-Gefäße vorzüglich und
sehr gleichmäßig gearbeitet. Bei den Nigra-Gefäßen ist der Ton einheitlich im Kern grau-grün
oder bläulich-grau, selten rötlich, der Überzug ist regelmäßig glänzend schwarz oder hellgrau. Die
Kochtöpfe und sonstigen glatt- und rauhwandigen Gefäße (abgesehen von den bemalten) weisen
fast alle die etwas eintönige grau-grüne Farbe auf, die auch Frau Ettlinger (Augster Thermen
S. 93 unten) als charakteristisch für die „späten“, d. h., aus dem Ende des 1. und dem 2. Jahr-
hundert stammenden Augster Töpfe nachwies. — Auf die raetischen gefirnißten Töpfchen C 6—10
\Taf. 14, 10—14) sei nur hingewiesen; sie bestätigen Frau Ettlingers Vermutung (Augster Ther-
men S. 83), daß diese Gattung in der Nordschweiz und ihrer nächsten Umgebung unter gelegent-
licher Verschmelzung von einheimischen Formen und römischer Technik schon in flavischer Zeit
aufgekommen ist. — Die rot überfärbten und geflammten Gefäße, nämlich die tiefen, bauchigen
Töpfe B III 2 (Taf. 13, 4), der Zylinderkrug B III 4 (Taf. 13, 1; 20, 3), die Kragenschüssel
B III 5 (Taf. 14, 1) und die Schüssel C 11 (Taf. 14, 22), gehören zu einer Gattung, die in djpr
Schweiz nur in Vindonissa anzutreffen ist und auch anderweitig nur in oder in der nächsten Nähe
von Legionskastellen, so daß sie als ausgesprochene „Legionskeramik“ bezeichnet worden ist1). Ob
diese rot überfärbte und geflammte Ware auch in Hüfingen hergestellt worden ist, läßt sich mit
letzter Sicherheit nicht entscheiden. Die Fehlbrandstücke A 7 vom Typus des bestimmt geflamm-
ten, aber nicht verformten Zylinderhalskruges B III 4 (Taf. 13, 1; 20, 3) sind zu stark verbrannt,
als daß sie ein zuverlässiges Urteil darüber gestatteten, ob sie geflammt waren. Nimmt man mit
Revellio an, daß sämtliche im Abfallhaufen bei Punkt e (Taf. 11, A) gefundenen und oben unter
B aufgeführten Gefäßreste aus der Töpferei im „Mühlöschle“ stammen — was in Anbetracht
dessen, daß unter den Abfällen auch Sigillaten vorkommen, die bestimmt nicht im „Mühlöschle“
hergestellt worden sind, füglich bezweifelt werden kann —, dann wäre auch in einem gewissen
Umfang mit der Fabrikation von geflammter Ware im „Mühlöschle“ zu rechnen.
Auch im Dekor ist bei den Erzeugnissen der „Mühlöschle“-Töpferei von echtem Spätlatene-
Empfinden nicht mehr allzuviel zu verspüren. Bis zum Überdruß wird das waagerecht umlaufende
Zickzackband wiederholt. Wohl stammt dieses Ziermotiv als solches aus dem Formenschatz des
Spätlatenestils, aber die Eintönigkeit seiner Anwendung in Hüfingen ist als ausgesprochen kaiser-
zeitlich anzusehen. ■— Das „Blättchen“-Muster des Kochtopfs B IV 13 (Taf. 13, 5) geht auf
Stempelmuster der claudischen Zeit wie Ettlinger, Augster Thermen Taf. 30, 2 oder Ritterling,
Hofheim 354 Abb. 92, 3 zurück, ist aber stark schematisiert. ■—• Etwas Originalität zeigt die
Kammstrich- und Kammeinstichverzierung des Topfes B IV 7 (Taf. 13, 10). Aber die einzelnen,
voneinander isolierten Kammstrichbahnen sind ein rein kaiserzeitliches Motiv2), und bei den
Kammeinstichfeldern dazwischen, einer Besonderheit, für die ich keine Parallelen kenne, ist als
Vorbild wohl an die Stacheln der Stachelbecher vom Typus Ritterling, Hofheim S. 340, Nr. 106
zu denken, also wiederum an ein römisches Motiv. Dasselbe gilt für die Punktreihen des Topfes
B IV 4 (Taf. 12, 15), dessen Schulter-Wellenband noch am meisten an echte spätlatenezeitliche
Schulterzier erinnert. Eigentlicher Besen- und Kammstrich im Spätlatenestil, das Hauptkenn-
zeichen aller grobwandigen, in echter Spätlatene-Tradition stehenden Töpfe, wie er rechts des

•) Vgl.Vindonissa 57 ff.; 83 f.; E. Ettlinger, Journal of Roman Studies 41, 1951, 105; W. Schleier-
macher, Germania 31, 1953, 82 f.
2) Vindonissa S. 11 zu Taf. 2, 27. 32.
 
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