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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0169

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Latenezeitliche Brandgräber von Bettingen, Ldkrs. Tauberbischofsheim

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Wie liegen die Verhältnisse am Rhein? Auch hier hat die Forschung die Marken der
scheinbar nachweisbaren germanischen Landnahme des letzten vorchristlichen Jahr-
hunderts immer weiter zurückstecken müssen. 1907 noch hatte Kossinna geglaubt
gemäß der damals gültigen Formel: Verbrennung = germanisch, Körperbestattung -
keltisch, Germanen bis in die Freiburger Gegend nachweisen zu können (Hochstetten
bei Breisach)122). Diese These, schon von K. Schumacher angefochten123), brach endgültig
zusammen, als Reinecke den Nachweis führte, daß es auch verbrennende Kelten in gar
nicht geringer Zahl gegeben haben müsse124). Trotzdem hält selbst Reinecke noch 1933
die verschiedenen Spätlatenegrabfunde (mit Verbrennung) am unteren Main westlich
der Spessartlinie für germanisch, und er bringt diese Gräber in unmittelbare Verbin-
dung mit der „germanischen“ Bevölkerung der anschließenden Rheinebene125), wobei
er mit solcher Formulierung noch sichtbar an die — trotz den vorsichtigen Formulie-
rungen von Behrens — weiterlebenden Vorstellungen Kossinnas anknüpft. Betrachten
wir die 1937 von Koch vorgelegte Karte der spätlatenezeitlichen „Suebengräber“126) im
starkenburgischen Raum, so sind hier 23 Gräber bzw. kleine Friedhöfe verzeichnet.
Ein Blick auf den gleichen Kartenausschnitt bei Schönberger im Saalburgjahrbuch von
1952 (Taf. 35 oben)127), lä.ßt hier nur noch fünf als germanisch ansprechbare Gräber
oder Gräberfelder erkennen, von denen dabei noch einige in bereits nachchristliche Zeit
gehören dürften. Nachdem nun auch noch, wie oben bereits angedeutet, kein Grund
mehr besteht, die Brandgräber Rheinhessens als germanisch anzusehen, wir vielmehr
auch in ihnen Keltengräber der späten Mittel- und der Spätlatenezeit zu erblicken
haben, erweist sich praktisch der gesamte Fundstoff des letzten vorchristlichen Jahr-
hunderts im rhein-mainischen Raum bei Anlegung einer nüchternen und durch keiner-
lei „historischen Zwang“ vorbelasteten Fundkritik als keltisch. Dies ist ein wahrhaft
erschütterndes Ergebnis nach den mit soviel Leidenschaft vorgetragenen Versuchen,
die Spuren der Kimbern und Teutoneri und vor allem der Sueben des Ariovist archäo-
logisch nachzuweisen!
Wie ist dieser Sachverhalt zu interpretieren? Irgendwo muß in dieser Rechnung ja doch
ein Fehler stecken, denn schließlich sind weder die Kimbern noch Ariovist mit seinen
Sueben als geschichtliche Erscheinungen einfach zu eliminieren. Kimbern und Teutonen
sind zweimal durch Südwestdeutschland gezogen, und Ariovist muß sich seit etwa 75
v. Chr. gleichfalls in diesem Raume aufgehalten haben, bis sich sein Schicksal in der
Schlacht am Fuße der Südvogesen erfüllte.

122) Korr. Bl. DG/AEU 38, 1907, 57 ff.
123) Präh. Zeitschr. 6, 1914, 242 Anm. 1.
124) Mainz. Zeitschr. 8/9, 1913/14, 111 ff.
125) 23. Ber. RGK. 1933, 152.
126) A. Koch, Vor- und Frühgeschichte Starkenburgs (1937) 55 ff., Karte 4. Wie stark auch noch
Koch der „germanischen Fascination“ (hier in Abwandlung einer Formulierung G. v. Mer-
harts) unterliegt, zeigt z. B. folgender Satz auf S. 57: „Da die Tatsache, daß es sich bei diesen
Funden um die erste germanische Besiedlung des Landes handelt, von weitaus größerer Be-
deutung ist als der Anschluß mancher Gefäßformen an die keltischen, ist die übliche Bezeich-
nung dieser Zeit als ,Spätlatenezeit' vermieden.“
127) vgl. auch ebenda S. 71 ff.

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