Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

DOI article: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0170

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
164

Albrecht Dauber und Wolfgang Kimmig

Drei Möglichkeiten wären hier zu erwägen. Völker in der Bewegung sind archäologisch
entweder gar nicht oder nur in seltenen Fällen nachzuweisen. Es genügt hierfür, einige
Beispiele anzuführen. Was wüßten wir etwa von den „Seevölkern“ und den gegen die
Reiche Vorderasiens aufmarschierenden Koalitionen, wenn uns Ramses III. nicht seine
illustrierten Siegesberichte hinterlassen hätte? Wo stecken die Kelten, die Rom in der
Allia-Schlacht auf die Knie zwangen? Was wir an keltischem Gut aus Italien kennen,
gehört zum weit überwiegenden Teil der Zeit „um 300“ und noch jüngeren Perioden
an128). Wo verbergen sich die Alamannen, die 260 n. Chr. den limes überrennen und
tief ins römische Hinterland eindringen? Deutlich greifbar sind zwar die Spuren der
schweren Kämpfe in Form zerstörter Städte und geschleifter Befestigungsanlagen, doch
die Zerstörer selbst bleiben im Dunkel. Wo sind die Hunnen, die halb Europa durch-
ritten haben, geblieben? Hunnische Bodenfunde gehören genau so zu den größten
Seltenheiten wie solche jener germanischen Völkerscharen, die das römische Reich end-
gültig zu Fall brachten129). Die angeführten Beispiele ließen sich vermehren. Immer
wieder zeigt sich, daß wir erst jene Generation archäologisch fassen können, die zu
neuer Seßhaftigkeit übergegangen ist, die wieder lernt, Häuser zu bauen, die Äcker zu
bestellen und Friedhöfe anzulegen.
Liegen in solchen Überlegungen nicht die Gründe verborgen, warum sich Kimbern und
Teutonen, warum sich die Sueben des Ariovist archäologischem Nachweis entziehen?
Wenn wir bei Caesar (bell. gall. 1, 36) von Ariovist hören, daß seine Germanen seit
14 Jahren nicht mehr unter ein Dach gekommen seien, wenn wir (ebenda 1, 51) sehen,
wie die Germanen zu Beginn der Schlacht ihre Reise- und Lastwagen zusammenfahren,
um sich durch solche Maßnahme selbst der Möglichkeit der Flucht zu berauben130), dann
wird aus all solchen Schilderungen klar, daß während der Bewegungszeit mit fester
Siedlung, die auch geregelte Totenbestattung im Gefolge haben muß, nicht gerechnet
werden kann. Wir müssen vielmehr an halb-nomadische Zustände denken, aber auch
an die Möglichkeit, daß sich die fremden Eindringlinge in Dörfern und Städten jener
festsetzten, die sie leichtsinnigerweise gerufen hatten. Nur so wird man die klagende
Rede des Divitiacus vor Caesar zu deuten haben, wenn er davon spricht, daß die Gal-
lier in wenigen Jahren aus Gallien vertrieben sein würden, wenn die Germanen alle
den Rhein überschritten hätten (ebenda 1, 31).
Man könnte ferner mit der Annahme operieren, daß zunehmende Verarmung der
Grund gewesen sei, weswegen die germanischen Gräber nicht zu fassen sind. Jankuhn
hat am Beispiel Jütlands eindrucksvoll dargelegt131), wie sich infolge eines Klimawandeis
am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit krisenhafte wirtschaftliche Umstellungen
vollzogen, die zur Abwanderung nach Süden oder auf schwerere Böden zwangen. Es
ließe sich vorstellen, daß die in Süddeutschland auftauchenden Kimbern und Teutonen
und in ihrer Nachfolge die Sueben infolge solcher Wirtschaftskrisen den Weg zum

128) Vgp Anm. 77.
129) In engem Zusammenhang mit solchen Beobachtungen steht auch die Tatsache, daß archäo-
logische Spuren antiker oder frühgeschichtlicher Schlachten nur ganz selten nachweisbar sind.
130) Ähnliches wird von den Cimbern in der Vercellae-Schlacht berichtet (Plutarch, Marius 27).
131) Archaeologia Geographica 3, 1952, 23 ff.
 
Annotationen