Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

Page: 71
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Halbfigurenbildnis des Laurent Froimont in Brüssel (Abb. 89) und wohl auch noch das des Jean de Gros
in Chicago (Abb. 97), zu denen beiden wir wie auch zu dem des deCroy die einst zugehörigen Madonnen-
tafeln besitzen. Spät wie der de Croy dürften auch die beiden folgenden Stifterbildnisse sein: das im
Format sehr kleine eines jungen Mannes in der dem englischen Staate vermachten Sammlung des ver-
storbenen Lord Bearsted in Upton (Abb. 36) und das nicht gut erhaltene im Besitz des Abbe Lescluse in
Berchem bei Antwerpen (Abb. 111). Auch die nicht als Stifter gemalten Männer der Bildnisse bei Thyssen,
Lugano, der noch spätere Vliesritter mit dem Pfeil in Brüssel, der Karl der Kühne in Berlin und vielleicht
als späteste Arbeit der NewYorker Francesco d’Este, sind Arbeiten dieser letzten Schaffenszeit Rogiers.
Unter den Stifterbildnissen ist das edelste das des Laurent Froimont in Brüssel, das auf seiner Rückseite
als Grisaille die in einer Nische aufgestellte Statue des Namensheiligen Laurentius zeigt, mit dem Brat-
rost als Abzeichen seines Martyriums (Abb. 90). Nichts hindert, diese viel Ausdruck und ein schönes
Beleuchtungsspiel zeigende Malerei für eine, wenn auch sehr rasch entstandene, Arbeit des Meisters selber
zu halten. Die Vorderseite (Abb. 89) bietet natürlich eine sehr viel sorgsamere Malerei. Die weich model-
lierten Inkarnate des Antlitzes und der Hände heben sich leuchtend ab von den Dunkeltönen ihrer Um-
gebung, dem tiefdunkelblauen, schwarzgemusterten Grunde und dem schwarzen, mit winzigen hellen
Punkten leicht durchsprenkelten und mit mausgrauem Pelz besetzten Leibrock, aus dessen schmalen
Schlitzen und Öffnungen kleine Partien des weißen Hemdes herausschimmern. Die noch jugendliche
Physiognomie ist die eines geistigen Menschen, aufmerksam und gespannt. Wundervoll sind in der zarten
Licht-Schattengebung die breiten, aber feingebildeten Hände (Abb. 91). »Raison L’enseigne« lautet der
Wahlspruch des Mannes.
Diesem sympathischen, in der Tat von der Vernunft gebändigten Kavalier steht in dem aus der Samm-
lung Ryerson ins Museum von Chicago gekommenen Bildnisse des Jean de Gros (Abb. 97) eine
breitere, willensmäßigere Existenz gegenüber, für die Rogier schon das Bildformat weniger schlank
gewählt hat. Der rundere Kopf auf massiverem Hals ist in seiner natürlichen Durchformung primitiver,
der Blick minder durchgeistigt, mehr geradehin. Auch fehlen in Rogiers Malerei an der uns abgewandten
Gesichtshälfte um das Auge, um die weniger schmale Nase und namentlich um die Mundpartie die differenzier-
teren Schatten des Froimont. Die plumperen Hände — es sind die eines ungeistigen Menschen — sind höher
ins Bild genommen. Der untere Bildrand schneidet sie bereits über dem Handansatz ab. Zeitlich steht der
Jean de Gros dem Froimont wahrscheinlich noch nahe. Das Haar jedoch fällt bereits tiefer über die Stirne,
und es bedeckt die ganze Ohrmuschel ohne das Läppchen.
Der dritte dieser namentlich bezeichneten Männer, der Philippe de Croy des schon erwähnten Por-
träts in Antwerpen (Abb. 99), ist ein hagerer, überzüchteter Typus mit schmalrückiger, vorstehender Nase,
kleinen Augen unter schmalen Lidern und flacheren Brauen. Von der Unterlippe an tritt das Unter-
gesicht stärker hervor. Der schärfere Gesichtsumriß und die Kinnlade unter den mageren Wangen sind
in die Länge gezogen. Auch den knochigeren Fingern fehlt das Blühende des Froimont. Es ist wohl kein
Zufall, daß Rogier diesem Menschen mit seinen — der Mode folgend — breiten, hochgezogenen Schultern
einen in grünlicheren, genauer blaugrünlicheren Tönen gehaltenen Dunkelgrund als Folie gegeben hat,
vor dem sich das bleichere, flacher durchmodellierte Inkarnat schwächer abhebt als vor dem blaueren
Dunkel die leuchtenderen frischeren Töne des Froimont. Kopf und Hände stehen jetzt wesentlich kleiner
im Bilde. Der Bildnisausschnitt ist tiefer genommen.
Von den nicht zu Diptychen gehörenden, also auch nicht betenden Männern ist der - von W.Stein52
wohl fälschlich mit Pierre de Beffrement identifizierte - der Sammlung Thyssen (Pinacoteca Castagnola)
in Lugano (Abb. 109) in einem sehr viel engeren Bildausschnitt ohne Hände gezeigt. Ein Kopf von wacher

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