Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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nun aber wieder später, ist auch die Madonna der früheren Sammlung Arens in Brüssel, deren heutiger
Aufenthalt unbekannt ist. Diese Madonnen, möglicherweise auch die in Chicago, jedoch werden wahr-
scheinlich nur durch Werkstattkräfte über Vorzeichnungen Rogiers ausgeführt sein57.
Daß der Meister einen umfassenden Werkstattbetrieb unterhielt, ist zweifellos. Die Grenzen zwischen
eigenhändiger und nicht eigenhändiger Arbeit sind daher ganz anders fließend als etwa bei Jan van Eyck,
der, wie es scheint, die künstlerische Mitarbeit keines anderen an seinen Werken geduldet hat. Da auch
bedeutende Schüler wie Memling ihre Ausbildung in Rogiers Werkstatt genossen, ist die künstlerische
Qualität solcher Werkstattbilder oftmals sehr hoch. Vom Geiste des Meisters selber ist vieles durchdrungen,
was er mit seinem Pinsel wahrscheinlich niemals angerührt hat.
DIE GRÖSSEREN SPÄTWERKE
Der Stadtmaler von Brüssel ist, wie es scheint, in seinen späteren Jahren immer mehr der Maler des
burgundischen Hofes und seines Adels geworden. Die Großen dieses Hofes, fast durchweg Träger fran-
zösischer Namen, sind die Auftraggeber der von ihm gemalten Diptychen und — vom Columbaaltar abge-
sehen — auch seiner großen Altäre. Auch geistliche Würdenträger waren darunter. Wir wissen aus einer
Urkunde von einer Altartafel, die 1455 durch den Abt von St. Aubert in Cambrai Jean Robert bei Roger
de la Pasture zu Brüssel bestellt worden ist und die der Meister im September 1459 ablieferte. Es ist
bezeugt, daß sie elf Darstellungen zeigte, 6% Fuß hoch und 5Fuß breit war; das Werk selber aber be-
sitzen wir nicht mehr. Sicher hat Rogier in jenen Jahren nicht nur an dem einen Werke gearbeitet, in
seiner Werkstatt wird vielmehr jeweils mehreres gleichzeitig in Arbeit gewesen sein, auch wohl mehrere
größere Altäre. Der Columbaaltar (Abb. 102) beispielsweise entstand gewiß in den gleichen Jahren wie
jener Cambraialtar. Auch die beiden Altarwerke, die stilistisch früher sind, die also in der ersten Hälfte der
1450er Jahre entstanden sein werden, der Bladelin- und der Clugnyaltar, mögen ungefähr gleichzeitig sein.
Der Bladelin- oder Middelburgaltar, heute im Besitze des Berliner Museums (Abb. 87), ist als Ganzes
vortrefflich erhalten. Die Verkündigungsdarstellung der Außenseite, ziemlich grobe Gehilfenarbeit,
ist ohne Interesse. Um so kostbarer sind die Innenbilder: die Mitteltafel mit der Anbetung des Kindes im
Stalle von Bethlehem, die Flügel mit den Darstellungen zweier wunderbarer Visionen, die Christi Geburt
ankündigten. Auf dem linken ist der kniende Kaiser Augustus gezeigt, wie ihn die tiburtinische Sibylle
auf die Gottesmutter hinweist, die außerhalb des Fensters mit dem Kinde thronend am Himmel erscheint.
Auf dem rechten sieht man die Heiligen Drei Könige in offener Landschaft vor dem Stern, der die Gestalt
eines winzigen Kindleins angenommen hat, in die Knie gesunken. Zu den Gestalten der Anbetung des
Kindes, Maria und Joseph, hat der Maler auch die des knienden Stifters gesellt. Es ist Peter Bladelin, der
Schatzmeister des Burgunderherzogs, selber einer der reichsten Männer derZeit. In den Jahren zwischen
1444 und 1464 ist er der Gründer und Erbauer des flandrischen östlich von Brügge gelegenen, sehr
kleinen ehemaligen Städtchens Middelburg gewesen, aus dessen Hauptkirche auch das Berliner Tri-
ptychon stammt. Bladelin trägt die Haare kurz, aber so, daß sie bereits das Ohr berühren, geschnitten. Sein
Leibrock hat breite Pelzborten, in einem dreieckigen Ausschnitt unter dem Halse ist das weiße Hemd
sichtbar. Trachtgeschichtlich ordnet sich die Gestalt zwischen den Rolin des 1450/51 entstandenen Beauner
Altars (Abb. 62) und das wohl um die Mitte der 1450er Jahre zu datierende Froimontporträt in Brüssel
(Abb. 89). Auch stilistisch ist eine Entstehungszeit in unmittelbarem Anschluß an den Beauner und an den
Bracquealtar sehr wahrscheinlich.

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