Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 2,1): Die Bildnisse der römischen Kaiser: Das julisch-claudische Kaiserhaus — Berlin, 1886

Page: 253
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Mutmassliche Bildnisse. 253

zuwandte. So liess er sich von Sejan berücken, an dem Untergang
seines Bruders mitzuarbeiten. Doch wurde er gleich nach dem Sturz
der Agrippina und des Nero von Tiberius ebenfalls gefangen gesetzt,
und starb wie seine Mutter den Hungertod (33 n. Chr.), c. 24 Jahre alt %.

Es giebt ein paar geringe Colonialmünzen, welche die Köpfe
des Nero und des Drusus einander gegenüber auf der gleichen Münz-
seite darstellen2. Statuen und Büsten nach ihnen bestimmen zu
wollen, wäre vergebliche Mühe. Doch mag in Beziehung auf etwanige
Monumentabildnisse der Söhne des Germanicus folgenden un-
massgeblichen Vermutungen oder Vorschlägen Raum gegeben werden.
Während sonst die meisten Claudiertypen von einiger Bedeutung
ihre, wenn auch nicht bestimmt fixierte, doch nur zwischen wenigen
Möglichkeiten schwankende Verwendung finden, will es nicht recht ge-
lingen, die pompejanische sog. Drususstatue in Neapel (Taf. VIII)
mit einiger Wahrscheinlichkeit an den Mann zu bringen. Unter den
bisher besprochenen Persönlichkeiten würde wohl einzig der jüngere
Drusus (s. d.) in Frage kommen können, aber auch er nicht ohne
bedeutende Schwierigkeiten. Muss er aufgegeben werden, so rücken
als diejenigen Prinzen, die das nächste Anrecht auf heroische Dar-
stellung zu haben scheinen, etwa der Sohn des eben genannten Drusus,
der 18jährig starb, oder aber die beiden älteren Söhne des Germa-
nicus in die Lücke, und zwar die letzteren nach Alter und historischer
Bedeutung entschieden voran, sodass es nahe liegt, einen von diesen
hinter der pompejanischeü Statue zu suchen.

Vielleicht indes dürfte unter den für Nero und Drusus in Aus-
sicht zu nehmenden Bildnissen auch der öfter erwähnte Typus der
capito linischen Büste (Taf. XII) und ihrer wahrscheinlichen Re-
pliken (oben p. 206) genannt werden, wofern nämlich die Annahme,
dass er mit der vejentischen Statue im Lateran identisch (also Ger-
manicus oder jung. Drusus), sich als irrig erweisen sollte. In der
That sind ja, einerseits in dem gabinischen Germanicus (Taf. X),
andererseits im Turin er Drusustypus (Fig. 34), Momente vorhanden,
welche jene Annahme unsicher machen. Die Aehnlichkeit mit der
vejentischen Statue braucht ihren Grund nicht notwendig in der Gleich-
heit der Person zu haben; sie kann auch ganz natürlich durch enge
Blutsverwandtschaft erklärt werden, d. h. eben dadurch, dass im Typus
der capitolinischen Büste einer der Söhne des dort Dargestellten
gemeint sei.

1 Tac. Annal. VI. 2.1.

2 S. Cohen I. .p. 234 ff.
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