Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 2,1): Die Bildnisse der römischen Kaiser: Das julisch-claudische Kaiserhaus — Berlin, 1886

Page: 209
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Nero Drusus, der Bruder des Tiberius. 209

Nero Drusus.

Nero Drusus war der jüngere Bruder des späteren Kaisers Ti-
berius und wie dieser ein Sohn des Ti. Claud. Nero und der Livia.
Seine Mutter gebar ihn erst, nachdem sie ihren Gemahl verlassen
(38 v. Chr.) und schon drei Monate mit Octavian verheiratet war,
weshalb er bei Vielen für einen Sohn des letzteren galt1. Doch
schickte Octavian den Knaben sogleich dem Tiberius Nero zu und
nahm ihn erst nach dessen Tode, und nachdem er zum Vormund
von dessen Söhnen bestellt war, in sein Haus. Drusus war im Gegen-
satz zu seinem Bruder ein civüe ingenium2, schön, liebenswürdig, von
hohem Schwung des Geistes und der Seele und dabei ein flecken-
loser Charakter 3. Seine historische Bedeutung hat er als Feldherr
gegen die Germanen, als welcher er, ein römischer Hamilkar, seinem
Sohne die Bahnen wies 4. Nachdem er als 23jähriger Jüngling die
Alpenvölker besiegt (15 v. Chr.), bestimmte ihn Augustus zum Befehls-
haber der Rheinarmee und übertrug ihm den germanischen Krieg
(13 ff.). Seine nunmehrigen Feldzüge, die Kühnheit seiner Entwürfe,
seine persönliche Tapferkeit, die republikanische Gesinnung, die man
bei ihm voraussetzte 6, Alles das verschaffte ihm eine ungewöhnliche
Popularität. Doch genoss er derselben nicht lange. Im Jahre 9 v.
Chr. erlitt er an der Saale durch einen Sturz vom Pferde einen
Schenkelbruch und starb auf dem Rückweg nach dem Rhein, noch
nicht ganz 30 Jahre alt. Augustus Hess seine Leiche durch Tiberius
nach Rom bringen und in seinem Familiengrab auf dem Marsfeld
beisetzen.

Drusus war mit Antonia, der jüngsten Tochter des Marc Anton,
verheiratet und durch sie Vater des Germanicus und des Claudius,
also Stammvater der nachtiberianischen Kaiser bis auf Nero. Er
wurde nach seinem Tode hochgeehrt, zunächst durch die Truppen,
welche ihm einen Altar, wahrscheinlich an dem Ort seines Sturzes6,

1 Dio XLVIII, 44: Suet. Claud. 1.

2 Tac. Annal. II. 82.

3 Vellejus II. 97: Adolescens tot tantarumque tirtutim quot et quantas na-
tura mortalis recipit vel iiuhtstria perficit. Vgl. Sueton Claud. I.

4 Die neuere Forschung pflegt ihm dem Germanicus gegenüber die Palme
der Feldherrngrösse zuzuerkennen. S. z. B. Eiese in der Areh. Zeitg 1879. p. 203 f.

5 Suet. a. a. O.

6 Tac. Annal II. 7; vgl. Mommsen Rom. Gesch. V. p. 27. Anm.
Bernonlli, Ikonographie. II. 14
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