Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 30.1895

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Heft 11. Allustrwte FamUren-Zertung. Z-hrg. 1895


vornan

Severo wird kommen,

Gegen Morgen in der vierten Stunde brachte

man

eit.

kehrte sie enttäuscht zurück und wars sich von Neuem
verzweifelt aus das Lager.
Wie hatte der alte Alaun gesagt? grübelte sie vor
sich hin: aus seinem Grabe solle die Zuchtruthe wachsen
für meine Leidenschaften? Wenn er nun Recht behielte?
Wenn vielleicht schon sein Tod selbst die Zuchtruthe
wurde an ihr und ihrem Kinde? Der Teufel ist schlau,
hatte er gesagt, und macht die Erfüllung unserer heiße-
— - - wer
Das
muß

die Leiche Severo's in den Palast zurück. Still und
leise setzte inan die traurige Last in der Portierloge
nieder, und der alte Francesco stieg langsam die Treppe
hinauf, um die weiteren Befehle seines Herrn einzu-
holen. Schon auf der Treppe kam ihm Frau Maria
entgegengeftürzt.
„Wo! Wo ist er?" keuchte sie.
Der alte Alaun zuckte die Achseln. Die Thranen
schossen ihm aus den Augen beim Anblick der unglück-
lichen Frau. Er brachte kein Wort hervor. Aber das
ivar auch nicht nöthig. Frau Maria schien auch ohne-
dies das Schreckliche zu begreifen. Sie rannte an ihm
vorbei die Treppe hinab. Gleich darauf hallte ein
fürchterlicher Schrei durch das Haus, und Maria brach
an der Leiche ihres Sohnes bewußtlos
zusammen.
Da lag sie noch, als man endlich kam,
um die Leiche ihrer weiteren Bestimmung
zuzuführen. Da sie gerade über dem
Körper Severo's lag, so mußte man sie
aufheben. Dabei wachte sie aus ihrer
Betäubung wieder auf, aber die Um-
stehenden wichen entsetzt vor dem fürchter-
lichen Antlitz zurück, das sich jetzt ihren
Blicken darbot. Die Wangen blutlos,
die Lippen lallend, im Blick jene ruhige,
entsetzliche Gleichgiltigkeit, die man an
den vom stillen Wahnsinn Befallenen
bemerkt, im Ton der Stimme jene welt-
entrückte, ruhige, fast heitere Tollheit,
die man nur bei Leuten antrifft, deren
Geist nicht mehr weiß, was der Mund
sagt, und welche die Wahrnehmungs-
kraft verloren haben, vermittelst deren
sie ihre Worte und Handlungen in ver-
nünftigen Zusammenhang mit der Außen-
welt bringen.
„Verfahrt fein säuberlich mit ihm,"
plauderte sie in einem Tone, als ob sie
von einer Puppe spräche, „es ist mein
Kind. Er ist der einzige Mensch von
Fleisch und Blut. Versteht ihr? Gebt
Acht, daß er nicht aufwacht!"
Die Umstehenden waren starr vor
Entsetzen und wichen scheu vor ihr zu-
rück. Der ganze Vorgang hatte so etwas
unendlich Trauriges, etwas Unnatür-
lich - Gespensterhaftes. Die Frau mit
dem unendlichen Weh im Mutterherzen
und der fast übermüthig heiteren Rede
flößte Grauen ein.
„Ja, ja, Frau Gräfin," fuhr Maria
in ihrem leichten Plauderton zur Gräfin
di Tirelli gewendet fort, „die Menschen
von heutzutage sind von Stein. Nicht
nur jene, die da draußen stehen, sondern
Alle, Alle! Wer weiß noch etwas von
einem
haben
Nun,
den.
gesund zu sein. —
fuhr sie mit einem unbeschreiblich trau-

Sohn? Von einer Mutter? Sie
marmorne Herzen. Das ist's.
er wird schon wieder gesund wer-
Jch werde ihm morgen befehlen,
Ich weiß es wohl,"

sten Wünsche zu unserer Strafe. — Der Teufel!
ivar das? Das war ja Alles, Alles Unsinn,
konnte ja nicht sein.
kommen!

Die Geschwister. Nach einem Gemälde von R. Epp. (L. 263)

Woldemar Urban.
(Fortsetzung n. Schluß.)
(Nachdruck verboten.)
N mn Palazzo d'Artignano schlief in dieser Nacht
F kein Mensch. Scheu und leise, wie im Hause
!l des Todes üblich, schlichen die Bewohner hin
> und her, verstohlen slüsterte
man sich die wenigen Worte,
die gesprochen werden mu߬
ten, zu. Wie im Bann des
Unglücks lag der ganze un-
geheure Bau da.
Im Salon des Grafen Tito saßen
Graf Alessandro und die alte Gräfin
Tirelli. Gräfin Zisa war auf Anrathen
Alessandro's mit der einbrechenden
Nacht wieder nach Hause gefahren. Die
alte Frau saß bei dem jungen Mann
und sprach ihm Trost und Zuversicht
ein ivie eine Mutter. Hatte sie in den
sonnigen Tagen des Glückes oft ihrer
Laune nachgegeben, so zeigte sie sich jetzt
um so mehr als eine echte Freundin
der Familie und hielt auch in der trüb-
sten Stunde aus. Ihr aufrichtiger
Schmerz über den so rasch dahingeschie-
denen Grafen Tito that Alessandro wohl.
„Die Besten gehen fort, Alessandro,"
flüsterte sie mit ihrer weichen, traulichen
Stimme, „trauern Sie, weinen Sie,
aber denken Sie auch an das Unab-
änderliche des Menschenschicksals und
trösten Sie sich. Seit fünfzig Jahren
kenne ich Ihren Vater. Oft war er
der Einzige, der mich verstand, den ich
verstand, und so absonderlich unser Ver-
kehr sich auch manchmal gestaltete — er
wird mir immer unvergeßlich sein. Aber
Sie, Alessandro, sind jung, und das
Leben behält Recht. Sie werden es
sehen!"-
Und im Zimmer des Grafen Se-
vero lag Frau Maria, angekleidet wie
sie gekommen war, auf dem Bett Se-
vero's. Sie preßte die zitternden Hände
auf das Herz, das in wilder, rasender
Angst und Beklemmung schlug, sie starrte
mit brennenden Augen stundenlang
schweigend vor sich nieder, aber keine
wohlthütige Thräne erleichterte sie. Oft
sprang sie in athemloser Spannung auf
und lauschte an der Thür hinunter in
die Halle, als ob sie von dorther Erlösung
und Befreiung von ihren Zweifeln und
von ihrer Oual erhoffe. Jedesmal
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