Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 30.1895

Page: 641
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1895/0633
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Heft 27. Juustrwte Familren-Zeitung. Äahrg. M5.



hohen Miethskasernen, mit denen hier die äußersten
Boulevards beginnen.
„Sie werden doch nicht im Ernst noch daran denken,
den Entschluß auszuführen, den Ihnen die Verzweiflung
plötzlich eingab?"
Röder blieb schwer athmend stehen und sah wie ein
aus dumpfem Traum Erwachender um sich. Er war
erstaunt, sich in einem so entfernten und öden Stadt-
viertel zu finden.
„Sie sehen doch," fuhr Fleuret fort, „auch ich darf
mein Leben nicht freiwillig abthun, so gern ich es möchte.
Mich hält mein Kind, meine kleine Tochter zurück . . ."
„Ach ja, Ihre Tochter! Das war's, was wir be-
sprachen. Ganz richtig. Lassen Sie sie mich doch sehen,
die Kleine, das tapfere Hausmütterchen!
Es wird mich auf andere Gedanken
bringen, und ich brauche das."
„Wir haben nur noch ein paar
Dutzend Schritte. Dortdrüben das Haus,
das ist das Ziel!" Fleuret zeigte nach
dem Ende des Boulevard Viktor hinab.
Am Jfsisthore stand das kahle, fünf
Stock hohe Gebäude, ein Massenquar-
tier wie so viele andere in dieser Gegend.
Es war bereits sechs Uhr vorüber,
die Hausthüren schon geöffnet.
Schweigend stiegen die zwei Männer
die finsteren, steilen Treppen empor.
Alles im Hause schien noch zu schlafen.
Natürlich, es war ja Neujahrsmorgen,
Feiertag, und die Leute rief keine Ar-
beitspflicht heraus.
Trotzdem mußten sie gehört worden
sein. Ehe sie den letzten Stock erreichten,
wurde da droben eine Thür geöffnet;
ein Schatten flog ihnen entgegen.
„Papa! Bist Du's?" flüsterte eine
feine, kindliche Stimme, der mau so
deutlich Angst und Kümmernis; anmerkte.
„Mein Kind!" schluchzte Fleuret.
Mit einem Satze war er oben und
schloß die kleine Gestalt in feine Arme
und bedeckte ihr aufgelöstes Haar mit
Küssen.
Dann führte Fleuret feinen Gast,
über den er dem Kinde rasch einige
Worte zuflüsterte, in die Wohnung.
Sie tasteten sich über den engen Flur,
durch eine offene Thür, in einen Raum,
in welchem der dumpfe Kalkgeruch einer
feuchten, lange nicht geheizten Wohnung
herrschte.
Gleich darauf flammte ein Streich-
holz auf. Röder sah die Umrisse des
zarten Mädchens, das dort am Tische
den Rest einer Talgkerze anzündete, der
in einem blechernen Leuchter steckte.
Fleuret schloß die Thür und griff
nach dem einzigen Stuhl, der am Tische
stand, um ihn seinem Gaste anzubieten.
Röder ließ sich schweigend- nieder.
Die kleine Zehnjährige machte ihn:
eine schüchterne Verbeugung und sah

Novelle

Gauklerbluk.

„es ward mir
hob schon die
zertrümmern

von
Carl Ed. Klopfer.
(Fortsetzung )

. > 7 (Nachdruck verboten.)
ch stürzte mich an den Wagenschlag der
MMA Diva," berichtete Max Röder,
blutroth vor den Augen, ich
Fäuste, die Fensterscheibe zu
— da wurde ich zurückgesto-
ßen, der drängende, schreiende
TZ) Trubel benahm mir für den
Moment die Sinne, die
Pferde machten sich Bahn durch die
auseinanderstiebende Menge — und da
fuhr der Wagen dahin. Ich raffte mich
auf, rannte ihm nach, vom Gelächter
der Leute hinter mir verfolgt. Bis zur
Madeleinekirche verfolgte ich die Equi-
page, ohne sie erreichen zu können.
Dort verließ mich der Athem. Ich
konnte nicht mehr weiter. Ick/taumelte
gegen die Stufen der Kirchentreppe hin,
und der Wagen entschwand am Ein-
gang der Malesherbesstraße meinen
Blicken. Es brauchte geraume Zeit,
bis mein siedendes Hirn zu geordneterer
Thätigkeit zurückkehrte. Der Haß gegen
das Mädchen machte allmälig einer
unendlichen Verachtung Platz, und eine
ungeheure Müdigkeit befiel meine Seele,
ein Ekel am Leben. Ich schleppte
mich weiter, taumelte der Seine zu.
Ich wollte meine Mutter nicht mehr
sehen, um keinen Preis der Welt Hütte
ich ihr gegenüber das Geständnis; des
nur Widerfahrenen über die Lippen
gebracht. In nur war es schrecklich leer,
ich hatte nur den einen, sehnsüchtigen
Wunsch — zu sterben, ein Ende zu
machen, ehe es wieder Tag wurde.
Vom Quai d'Orsay an folgte ich
dem Lauf des Flusses, überschritt ihn
mit jeder Brücke, und so von Ufer zu
Ufer wandelnd, kam ich da drüben —
Ihnen in den Weg. — Sie wissen be-
reits, was mich allein noch abhielt, den
erlösenden Sprung in die Tiefe zu thun,
es war das rauhe Gebot der Pflicht,
das mich daran gemahnte, daß ich die
Mutter, wenn ich ihr auch den Schmerz
um den Verlust des Sohnes nicht er-
sparen wollte, doch nicht in materiellem
Elend zurücklassen durfte. Hätten Sie
meinen Wunsch erfüllt oder hätte ich
sonst Einen gefunden, das an mir zu
vollziehen, was ich selber nicht thun
durfte, das wäre die beste Lösung ge-

wesen. Sie sehen," schloß er mit bitterem Lachen, „zu-
weilen versagt uns das Schicksal auch den letzten Trost.
Dieses Paris, das alljährlich so und so viele der grauen-
haftesten Unthaten aufweist, Morde aus Habgier nach
ein paar Franken, aus Hunger und Verzweiflung —
dieses Paris kann mir heute Keinen stellen, der sein
Bluthandwerk leicht und gewinnbringend an mir üben
wollte. Ein Mörder wird gesucht, ein Mörder! Und
sollte sich wirklich keiner finden lassen?"
„Hören Sie auf, mein Herr, ich beschwöre Sie!"
bat Fleuret schaudernd.
Sie waren jetzt bis zur Barriere von Sövres ge-
kommen, und Röder's hohle Stimme, die wie höllisches
Hohngelüchter klang, widerhallte unheimlich von den

Wom Wegen in die Traufe. Nach einem Gemälde von L. Girard et. (S. 647)
loading ...