Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 30.1895

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Heft 2Z. AHustrivte FamUien-Deitung. Äahrg. W5.




Ronran

Moderne Freibeuter.

Graf Nikolai Timitriewitsch von der Osten-Sacken, der neue russische Botschafter
in Berlin. (S. 598)

„Aber wenn er nicht im Schlosse steckte, muß er sich
doch irgendwo hier im Zimmer befinden — und zwar
nir einer augenfälligen Stelle, denn es ist wohl nicht
anzunehmen, daß ihn der junge Mann geflissentlich ver-
steckt haben sollte/'
Jetzt meldete sich das Stubenmädchen, um mit aller
Bestimmtheit zu erklären, daß sie nach der Lüftung in
dem Zimmer sehr gründlich aufgeräumt habe, und daß
ein so großer Gegenstand wie ein Schlüssel ihrer Auf-
merksamkeit dabei unmöglich hätte entgehen können.
Daß sie ihn nicht gefunden hatte, konnte nach ihrer
nachdrücklichen Versicherung als ein unumstößlicher Be-
weis für sein Richtvorhandensein genommen werden.
Julius Löwengnard sah, daß der Kommissar nach-
denklich wurde, und wenn er es auch vorgezogen Hütte,
sich zu diesem Punkte nicht äußern zu müssen, schien es
ihm nun doch nothwendig, der von ferne drohenden
Gefahr rechtzeitig zu begegnen.
„Wenn es mir gestattet ist, eine Meinung zu äußern,"
sagte er, „so glaube ich, daß sich das scheinbare Fehlen
dieses Schlüssels auf eine recht natürliche Weise erklären
läßt. Mein unglücklicher Neffe dürfte ihn, einer alten
Gewohnheit folgend und ohne jede besondere Absicht
wieder in die Tasche gesteckt haben, nachdem
er die Thür hinter sich verschlossen hatte. Rian
wird ihn wohl in seinen Kleidern finden. Dder
inan muß, wenn dies wider Erwarten nicht
der Fall sein sollte, nnnehmen, daß er beim
Transport des Leblosen oder bei seiner hasti-
gen Entkleidung verloren gegangen ist. Die
ganze Frage hat doch wohl auch nur insofern
Bedeutung, als es sich um die Vermuthung
handeln könnte, daß der Verunglückte von
einem Anderen eingeschlossen worden sei. Und
ich glaube nicht, daß ein Mensch mit ge-
sunden Sinnen dieser ungeheuerlichen Ver-
muthung im Erliste Raum geben werde. Ich
für. meine Person wenigstens würde einen
solchen Verdacht geradezu für Wahnwitz halten."
Und seine Erklärung über den wahrschein-
lichen Verbleib des vermißten Gegenstandes
leuchtete dem Kriminalbeamten ebenso voll-
ständig ein, ivie ihm das von dem muth-
maßlichen Hergang des Unglücksfalles ent-
worfene Bild eingeleuchtet hatte. Er stimmte
der letzten Aeußerung Löwengaard's zu und
sah seine Aufgabe als beendet an.
„Ich denke, daß die Sache, soweit eine
Einmischung der Polizei in Frage kommt, mit
meinem Bericht abgethan ist," meinte er,
als er sich von dem Herrn des Hauses ver-
abschiedete, „aber es ist ja immerhin mög-
lich, daß aus formalen Gründen noch diese
oder jene Person von Ihrem Personal zur
Vernehmung vorgeladen wird. Dafür, daß
man Sie selber mit solchen Weitläufigkeiten
nicht mehr behelligen werde, kann ich mich
wohl unter allen Umständen verbürgen."
Mit bekümmerter Miene hatte ihn: Julius
Löwengaard für diese freundliche Verheißung
gedankt; aber sobald er wieder allein war,
ging ein triumphirendes Aufleuchten über sein
Gesicht. Wie leicht es ooch war, alle diese

licher Umstand die besondere Aufmerksamkeit des Kom-
missars zu erregen schien.
„Sie sagen, daß die Thür des Zimmers heute Vor-
mittag gewaltsam geöffnet werden mußte," wandte er
sich im Beisein der Dienerschaft an den Hausherrn.
„Ihr Reffe müßte sie darnach gestern Abend hinter sich
verschlossen haben."
„Gewiß, daran läßt sich wohl nicht zweifeln."
„Und der Schlüssel steckte also von drinnen im
Schlosse?"
„Ich muß gestehen, daß ich darauf nicht zu ant-
worten weiß. In meiner Erregung über die schreckliche
Neuigkeit habe ich auf einen so nebensächlichen Umstand
nicht geachtet — zumal ich ja erst herbeigerufen wurde,
nachdem die Thür bereits geöffnet war."
„Der Schlüssel war nicht im Schloß," mischte sich
der Diener ein, „ich weiß es ganz bestimmt."
„Sein Fehlen ist Ihnen also ausgefallen, da Sie
sich dessen so genau erinnern?"
„Das nun wohl gerade nicht. Ich habe mir weiter
nichts dabei gedacht. Aber ich weiß es, weil ich das Schloß
mit einem Haken aufgesprengt habe. Und das hätte ich
nicht getonnt, wenn der Schlüssel darin gewesen wäre."

Lothar Brenkrudorf.
(Fortsetzung )

ie Erklärung, welche Löwengaard seiner
Tochter über das Ableben Eäsar's gab,
war so naheliegend und einfach, daß sie
nothwendig Jedem einleuchten mußte. Es
ivar freilich nicht die einzige, dre Julius
Löwengaard ersonnen hatte, während er
schlaflos in verzehrender Unruhe den An¬
bruch des Tages herbeisehnte; aber sie war ihm nach
reiflicher Ueberlegung als die natürlichste erschienen und
er hatte sich entschlossen, sie so oft zu wiederholen, bis
alle Welt daran glaubte^- Es gewährte ihm lebhafte
Genugthuung, zu sehen, daß Hilde sogleich von
ihrer Richtigkeit überzeugt schien. Eine ungleich
größere Befriedigung aber mußte es ihm be-
reiten, daß sie auch dem scharfen Verstände
eiires in allen Künsten menschlicher Verschla-
genheit wohlerfahrenen Mannes keinen Anlaß
zu mißtrauischen Zweifeln gab.
Mitten in seinem Gespräch mit dem jungen
Mädchen wurde er durch die Meldung ab-
gerufen, daß ihn ein unbekannter Herr in
dringender Angelegenheit zu sprechen wünsche,
und es überraschte ihn nicht, da sich der Fremde
mit gemessener Höflichkeit als Beamter der
Kriminalpolizei zu erkennen gab. Der zur
ersten Hilfeleistung herbeigerufene Arzt hatte
pflichtgemäß die vorgeschriebene Anzeige von
dem angeblichen Unglücksfall erstattet, und der
Kommissar war abgesandt worden, um an
Drt und Stelle die Einzelheiten des verhäng-
nisvollen Ereignisses festzustellen.
Er nahm seine Aufgabe keineswegs leicht,
sondern ging mit echt kriminalistischer Umsicht
und Gründlichkeit zu Werte. Nachdem er sich
von Löwengaard genaue Auskunft über den
Eharakter und die Gewohnheiten seines Neffen
hatte geben lassen, unterzog er das Schlafzim-
mer einer eingehenden Besichtigung. Er prüfte
die Beschaffenheit der Gasleitung und ver-
hörte zuletzt auch noch sämmtliche Dienstboten,
um sich mit völlig erschöpfendem Material für
den Bericht zu versehen, den er an seine vor-
gesetzte Behörde zu erstatten hatte.
Die ganze Prozedur währte nahezu eine
Stunde, und wenn es auch sicherlich nicht
die angenehmste in Julius Löweugaard's
Leben war, so büßte er seine ruhige Selbst-
beherrschung dem inquirirenden Beamten gegen-
über doch nicht für einen einzigen Augenblick
ein. Ja, seine kaltblütige Sicherheit verließ
ihn auch dann nicht, als ein gewisser bedenk-
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