Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 30.1895

Page: 281
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1895/0283
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Heft 12_ Auustrirte Fanrrlren-Zertung. Mrz. 1895




Sie

Ich, Fräulein Petersen? Nun
elich — nein. So was sieht

wird

von
Friedrich Jarodfem
(Fortsetzung,)

Der Schalten von Holgershokm.
Roman

(Nachdruck verboten.)
in runder Tisch, welcher zahllose Spuren
zerstörungssüchtiger Kinderhände trug, nahm
die Mitte des Gemaches ein, und einige
Polsterstühle schienen noch die Spuren der
Füßchen zu tragen, die im übermüthigen
Spiel daraus herumgeklettert waren.
Sonst nichts, als verblaßte Tapeten und
mottenzerfressene Mullgardinen. In die öst-
liche Wand war eine Glasthür eingelassen, und als ich
durch die trüben Scheiben derselben blickte, sah ich, daß
sie aus einen steinernen Balkon hinaussührte, welcher
aus zwei Seiten von einer Balustrade umgeben war,
während man aus der dritten über ausgetretene Stufen
in den Park hinab gelangen konnte. Unten wirres,
wucherndes Gebüsch und grasbewachsene Wege, die ihre
Bestimmung verloren hatten.
„Es sind vierzehn Jahre seitdem vergangen," er-
klärte Eilert, „vierzehn lange Jahre, Fräulein Eleonore
würde sich kaum mehr entsinnen, aber wenn Fräulein
Renata — ich meine die Frau Professor — noch an
dieser Stelle sein könnte, dann würde sie uns erzählen,
wie lieb ihr das Alles gewesen ist, und wie sie weinte,
als es an's Abschiednehmen ging."
Er hatte sich auf einen der Stühle gesetzt, und
streichelte mit seinen großen knochigen Händen das zer-
schlissene Polster.
„So lieb," fuhr er halblaut fort, „daß man fast
glauben könnte, es sei ihr unmöglich geworden, ganz
von hier fort zu bleiben. Sie wissen nicht, was man
sich erzählt, Fräulein Petersen?"
„Ammenmärchen!" sagte ich unwillig, „nicht wahr?"
„Hm, die Leute behaupten, daß
sich da draußen auf der Terrasse
ein Schatten zeige, der —"
„Unsinn, Eilert! Haben
ihn etwa gesehen?"
natürlich —
man ja nie selbst, sondern es
Einem von Anderen erzählt, die es
gesehen haben wollen, und die darauf
schwören. Aber sonderbar bleibt es
doch, und man darf sich wohl seine
Gedanken darüber machen."
„Nein, Eilert, das darf man
nicht," entgegnete ich sehr bestimmt.
„Es ist Thorheit und Aberglaube!
Ich meine es gut mit Ihnen, denn
wir sind halbe Landsleute, und ich
schäme mich in Ihre Seele, daß Sie
an solches Altweibergeschwätz glau¬
ben."

„Wie Sie wollen, Fräulein

Weihnachtsträume. Originalzeichnung von K. Ziuu. (S. 287)
loading ...