Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 30.1895

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Gustav Areytag ff. (S. 574)
Nach einer Photographie von Karl Schipper, Hofphotograph in Wiesbaden.

Farben geschildert worden, daß sie sich in der That
trotzigen Mnthes auf allerlei fürchterliche Abenteuer ge-
faßt machte. Aber ihr geschah nichts Schlimmes. Nie-
mand trat ihr hindernd in den Weg und Niemand
redete sie an. Ein paarmal, als sie sich in der Dunkel-
heit nicht mehr zurechtfinden konnte und nach dem
Wege fragen mußte, erhielt sie höflich und bereitwillig
Auskunft; ungefährdet gelangte sie auf den großen,
schmutzigen und jetzt beinahe stockfinsteren Hof, an dessen
äußerstem Ende das Atelier der Gebrüder Meinardi
gelegen war.
Die großen hell erleuchteteil Fenster wiesen ihr den
Weg. Die äußere Thür des kleinen Vorplatzes stand
weit offen; diejenige aber, die in das Atelier selbst
führte, war geschlossen, und nun kämpfte Hilde hoch-
klopfenden Herzens doch noch minutenlang gegen ein
plötzlich von Neuem erwachtes Angstgefühl, ehe sie es
über sich gewann, zu klopfen.
Eine fröhliche, etwas verwunderte Stimme rief
„Herein!", und im nächsten Augenblick, als Hilde nun
wirklich die Thür geöffnet hatte, wurde drinnen mit
ungeheurem Gepolter ein Stuhl zu Boden geworfen.
„Fräulein Löwengaard, Sie? Ja,
mein Gott, ist das denn nun auch noch
Wirklichkeit?"
Theodor Meinardi war auf sie zu-
geeilt, freudestrahlenden Antlitzes zwar,
doch zugleich ganz unverkennbar von
einem so gewaltigen Staunen erfüllt, daß
dem jungen Mädchen die Erkenntnis; von
dem Gewagten und Unweiblichen seines
Unternehmens centnerschwer auf die Seele
fiel. Sie wollte etwas sagen; aber wie
Hütte sie jetzt, da sie ihm Äuge in Auge
gegenüberstand, für ihre Mittheilung an
den jungen Bildhauer die rechten Worte
finden sollen, die ihr nicht einmal vor-
hin in der einsamen Stille ihres Stüb-
chens eingefallen waren. Ihre Lippen
zuckten wohl, als ob sie sprechen wollte,
doch die Thränen saßen ihr schon in der
Kehle, so daß sie keinen vernehmlichen
Laut mehr hervorbringen konnte, und als
Theodor Meinardi nun in aufrichtiger
Besorgnis; fragte: „Um des Himmels
willen, mein liebes Fräulein, es ist Ihnen
doch nicht etwa 'was Schlimmes wider-
fahren?" — da gab es kein Halten und
kein Bezwingen mehr; ihr Muth wie ihre
Fassung waren ganz und gar zu Ende;
sie schlug beide Hände vor das brennende
Gesichtchen und weinte, als ob ihr das
Herz brechen wolle.
Theodor Meinardi's Bestürzung war
ohne Grenzen, und die ganze Rathlosig-
keit des im Verkehr mit Damen völlig Un-
geübten trat in seinen: Benehmen zu
Tage. Er lief hin und her, fuhr sich
immer wieder mit den Händen durch das
Haar und warf verzweifelte Blicke nach
allen Seiten, als ob er irgendwo etwas
entdecken könnte, das geeignet sei, seine holde
Besucherin zu beruhigen und zu trösten.

Moderne Freibeuter.
Roman
von
Lothar Brenkrndorf.
(Fortsetzung.!
(Nachdruck verboten.)
aß er in diesem Augenblick weder mit Vor-
stellungen noch mit Drohungen etwas
gegen Hilde's leidenschaftlichen Widerspruch
ausrichten würde, mußte Löwengaard nun
wohl einsehen. Wenn er über dies eigen-
willige junge Geschöpf den Sieg davon-
tragen wollte, mußte er sich einer ande-
ren Taktik bedienen, und es war jedenfalls besser, die
zwecklose Scene zu enden, ehe Hilde zu der Erkennt-
nis; kam, das; es eigentlich ihr Vater war, der zunächst
eine Niederlage erlitten habe.
„Du bist eine Närrin!" unterbrach
er sie streng, „und ich sehe, das; es vor-
läufig noch unmöglich ist, über ernsthafte
Dinge mit Dir zu reden. Geh' jetzt
auf Dein Zimmer! Ich werde Dir spä-
ter mittheilen, was ich über Deine Zu-
kunft beschlossen habe."
Und Hilde ging. Wenn sie vorhin
Angesichts der schrecklichen Möglichkeit,
daß ihr Vater an Theodor Meinardi schrei-
ben könnte, schon sehr nahe daran ge-
wesen war, ihre bei Tische abgegebene
Erklärung zurückzunehmen, so würde sie
sich jetzt um keinen Preis mehr dazu ver-
standen haben. Denn nun, seitdem sie sich
über den Zustand ihres eigenen Herzens
vollkommen klar geworden war, nun
dünkte es sie gar nicht mehr so ungeheuer-
lich, was sie gethan hatte. Tausendmal
lieber noch wollte sie es über sich ergehen
lassen, daß der Mann, den sie liebte,
ihre Liebe verschmähte, als das; dieser
knabenhafte Vetter sich noch länger in einer
Hoffnung gefallen durfte, die so beleidi-
gend und demüthigend für ihr mädchen-
haftes Empfinden war.
Eines aber war unvermeidlich. Theo-
dor Meinardi mußte von dem Vorgefalle-
nen unterrichtet werden, noch bevor er
den Brief ihres Vaters erhielt. Sie
mußte auf der Stelle an ihn schreiben
und ihn: das Billet noch an diesem Abend
durch einen Boten übersenden. Aber als
sie jetzt an ihrem Schreibtisch saß, wußte
sie nicht einmal die rechte Anrede zu fin¬
den, und für das, was sie ihm notwen-
dig mittheilen mußte, fehlten ihr vollends
die Worte. Ein paarmal machte sie wohl
den Versuch, etwas niederzuschreiben; doch
sobald sie es überlesen hatte, riß sie das

Blatt gleich wieder in hundert kleine Stücke. Mit
Thränen in den Augen warf sie endlich die Feder
fort, überzeugt von der Unmöglichkeit, diesen Brief je-
mals zu Stande zu bringen.
Es war eine halbe Stunde des schrecklichsten Kampfes,
die sie jetzt durchlebte; dann aber war ihr Entschluß
gefaßt, und mit jener Energie, die ihr in allen schwie-
rigen Lagen eigen war, zögerte sie nicht, ihn zur Aus-
führung zu bringen. Mit Hut und Jacket angethan,
lauschte sie an der Thür ihres Zimmer, bis es draußen
auf dem Gange und im Treppenhaus ganz still war.
Dann schlüpfte sie behend hinaus, und es gelang ihr
in der That, ungesehen die Straße zu erreichen. Sie
wollte an der nächsten Ecke in eine Droschke steigen;
aber sie mußte sich zu ihrer Bestürzung überzeugen, daß
sie kein Geld bei sich habe, und so blieb ihr nichts
Anderes übrig, als den weiten Weg bis in die entlegene
Arbeitervorstadt zu Fuße zurückzulegen. Noch nie hatte
sie sich in so vorgerückter Abendstunde ganz allein in
den menschenerfüllten Straßen bewegt, und die Ge-
fahren, densn ein junges Mädchen bei solchem Beginnen
ausgesetzt sei, waren ihr so oft in den lebhaftesten
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