Weber, Paul [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 5): Kreis Herrschaft Schmalkalden: Textband — Marburg, 1913

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Rathaus.

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Aus dem Dachboden führte eine Rundbogentür (Renaissance oder romanisch ?) in den Haupt-
bau hinüber.
1903—1905 wurde auf der Brandstelle, unter Beseitigung aller alten Reste, ein steinerner Tafel 110,3
Neubau errichtet, eine Schöpfung des Architekten Aurich in Dresden.
An den alten Bau erinnert die an der Südseite eingemauerte Inschrift vom ehemaligen
Weinkeller:
EXTRVCTA-EST-HAEC-CELLA-VINARIA
ANNO DOMINT1600-
WKS-ET-VM-CONSS-AS-ET-HW" TR-PL-
Endlich gehörte noch zum Rathause die
„alte Kemnate",
welche sich im Ratshofe hinter dem gotischen Mittelbau befand, ein interessanter gotischer Bau,
unten massiv, oben aus Fachwerk, in welchen 1661 eine neue große Hochzeitsstube eingebaut wurde.
Auf diesen Einbau bezogen sich die beiden Inschrifttafeln, deren Abgüsse sich jetzt im Treppen-
hause des neuen Flügels eingemauert befinden. Die Inschrift der einen besagt, daß V(alentin) TafelUl,su.i
S(tieffel), J(ohann) N(eunes), H(ermann) S(chäffer), V(alentin) R(ohr), J(ohann) H(einrich) S(chones)
im Jahre jenes Einbaues Bürgermeister und Vormünder waren3). Die barocke Stuckdecke, welche
die Hochzeitsstube zierte, soll von besonderer Schönheit gewesen sein.
Obgleich dieses alte Bauwerk von dem Feuer 1901 verschont geblieben war, wurde es doch
abgebrochen2). Der alte Rathaushof steht nunmehr, nach Abbruch dieses Flügels und nach Be-
seitigung eines alten Laufbrunnens, ganz leer. In einem der beiden starken mittelalterlichen
Mauerzüge, welche ihn nördlich und südlich zum Teil noch einschließen, ist eine eiserne Münz-
prägepresse (?) von 1765 eingemauert.
Auf der Westseite des Hofes erhebt sich ein schlichter Fachwerkbau, das ehemalige
Kornhaus. Der Beginn des Kornhausbaues wird 1529 erwähnt3).
Von der ganzen Gruppe alter Rathausbauten kann somit nur noch der mittlere Teil, das
gotische steinerne Rathaus aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts, uns noch etwas berichten.
Leider ist auch dieser Teil völlig „renoviert", wie das euphemistische Fremdwort für solche
Taten lautet.
Die frühere Erscheinung zeigen die beiden Aufnahmen auf Tafel 110. Im Anschluß an denTafelllO,iu.4
Brand von 1901, der diesen Bau aber nicht mitergriff, hielt man diese Renovierung für nötig,
die sich zu einem tief eingreifenden Umbau auswuchs. Leider sind keine Aufnahmen von den
während des Umbaues zutage getretenen Bauformen und Konstruktionen gemacht worden, ein
unersetzlicher Verlust für die Geschichte dieses früher recht interessanten Bauwerks.
Ursprünglich scheint auch dieses Rathaus, wie d'e meisten Kleinstadtrathäuser des 15. Jahr-
hunderts, eine große offene Halle im Erdgeschoß und einen ungeteilten großen Saal im ersten
Obergeschoß enthalten zu haben.
Im Jahre 1472 wurde in die Halle des ersten Obergeschosses eine „große Ratsstube" ein-
gebaut4), im folgenden Jahre noch eine kleine. Die große Ratsstube erhielt das eigenartige breite
zehnteilige Fenster nach dem Markte zu, das mit einem Flachbogen abgeschlossen ist und noch
heute der ganzen Front den eigentlichen Akzent verleiht. Die Symmetrie des ursprünglichen

1) Farbige Skizze des Gebäudes von Regierungsrat Spannagel im Henneberger Museum.
2) Die Buchstaben BL — TL auf der anderen Tafel neben der Jahreszahl 1661 und die umrahmte Hausmarke
beziehen sich wohl auf die ausführenden Baugewerken.
3) Memorabilia, Cassel, Landesbibliothek.
4) Chronik im Ratsarchiv und Memorabilia, Cassel, Landesbibliothek.

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