Braun, Joseph
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 1): Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik — München, 1924

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Zweites Kapitel. Die Form des Altares 125

ZWEITES KAPITEL

DIE FORM DES ALTARES

VORBEMERKUNG

Die Form des Altares war nicht zu allen Zeiten und überall die gleiche.
Neben wie nacheinander gab es Altäre von sehr ungleicher Bildung. In vor-
konstantinischer Zeit war der Altar wohl in der Regel eine Art von Tisch,
doch auch in nachkonstantinischer zeigte er noch über ein Jahrtausend lang
sehr häufig die Tischform. Sehr häufig, nicht immer. Denn unter dem
Einfluß der steigenden Reliquienverehrung, namentlich aber infolge der stets
mehr und mehr an Verbreitung gewinnenden kirchlichen Sitte, unter dem
Altar Reliquien beizusetzen, bürgerte sich schon früh beim Altarbau neben
der Tischform ein anderer Typus, die Kastenform, ein. Tischform und
Kastenform führten dann allmählich zu einer dritten Bildung, zur Block-
form: die Tischform, indem man die Stütze, die oft nur aus einem vier-
eckigen Steinblock bestand oder nur eine pfeilerartige Aufmauerung dar-
stellte, so sehr an Breite und Tiefe wachsen ließ, daß sie zuletzt nur wenig
mehr von dem unteren Rande der Mensa abstand, diese sonach bloß um ein
geringes über den Stipes vorragte; die Kastenform, indem man den Hohlraum
des Altares ausfüllte, wozu von selbst der Antrieb und Anlaß gegeben war,
als man das Reliquiengrab nicht länger im Boden unter dem Altare, sondern
in dessen Stipes anbrachte. Aus der Blockform entwickelte sich schließlich in
der neueren Zeit die Sarkophagform. Man begann nämlich seit Aus-
gang des Mittelalters den Altar immer mehr als das Grab der Heiligen zu be-
trachten, deren Überbleibsel in ihm eingeschlossen waren, das aber führte
dann naturgemäß allmählich dazu, zum sinnfälligen Ausdruck dieser Auffas-
sung ihm auch äußerlich die Form eines Sarkophages zu geben.

Nach dieser mit einigen wenigen Strichen gezeichneten Übersicht über
die Entwicklung der Altarform, einer Übersicht, die im folgenden ihre Erwei-
terung und Vertiefung erhalten wird, haben wir also vier Hauptaltartypen zu
unterscheiden, den Tischaltar, den Kastenaltar, den Blockaltar und den
Sarkophagaltar. Wir beginnen mit dem ältesten Typus, der Wurzel aller
übrigen, dem Tischaltare.

DER TISCHALTAR
I. ALLGEMEINES
Der älteste Altartypus ist zweifellos der des Tischaltares; er ist
aber zugleich der bemerkenswerteste und interessanteste, weil kein anderer
•m Lauf der Zeit eine so reiche und mannigfaltige Ausbildung erfuhr, wie er
und kein anderer immer wieder so zäh wie gerade er auf der Bildfläche auf-
tauchte, wenn es den Schein hatte, als ob er von einer der andern Altarformen
verdrängt und abgelöst worden sei. Bei den Umwandlungen, die mit dem
Tischaltar im Verlauf der Zeit vor sich gingen, läßt sich, von einigen ganz ver-
einzelten Bildungen abgesehen, eine Reihe von förmlichen Untertypen unter-
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