Braun, Joseph
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 1): Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik — München, 1924

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Achtes Kapitel. Die Richtung des Altares 411

ACHTES KAPITEL

DIE RICHTUNG DES ALTARES

I. DIE RICHTUNG DES ALTARES NACH HEUTIGEM BRAUCH

Der Altar ist entweder so aufgestellt, daß der Priester bei der Feier des
hl. Opfers an seiner Vorderseite steht und diese darum auch litur-
gisch die Vorderseite ist, oder so, daß er sich beim Zelebrieren an der
Rückseite des Altares befindet, diese also liturgisch nicht die Rückseite,
sondern die Vorderseite bildet. Im ersten Falle hat der Zelebrans den
Gläubigen den Rücken zugekehrt und muß demnach, wenn er dieselben beim
Dominus vobiscum vor den Orationen, beim Orate fratres, beim Ite missa est
und beim Segen anzureden hat, sich um- und ihnen zuwenden. Im zweiten
schaut er stets auf das Volk und braucht sich deshalb bei diesen Gelegen-
heiten nicht umzudrehen.

Eine kirchliche Vorschrift hinsichtlich der Richtung des Altares besteht
nicht. Das Missale begnügt sich damit, anzugeben, wie der Priester sich zu verhalten
hat, wenn er an einem Altare, der dem Schiff der Kirche zugewendet ist, also mit
dem Gesicht den Gläubigen zugekehrt, zelebrieren muß. „Wenn der Altar nach Osten
dem Volke zu gerichtet ist, schreibt es, dreht der Zelebrans, der ja den Blick zum
Volke gewendet hat, nicht den Rücken dem Altäre zu, wenn er sagt: Dominus vobiscum,
Orate fratres, Ite missa est, oder den Segen spendet, sondern küßt den Altar in der
Mitte, breitet so, wie er steht, die Hände aus, schließt sie, grüßt das Volk und gibt den
Segen1". Im Ordo missae Burchards von Straßburg, dem eine Rubrik der Sache und
dem Sinne nach entnommen ist, heißt es: Quod si altare est versum ad populum et
in eo celebrans stat facie populo versa*.

Heute sind die Altäre allenthalben der Regel nach so gerichtet, daß der
Priester an der dem Schiffe der Kirche zugekehrten Seite seinen Platz hat,
gleichviel, nach welcher Himmelsrichtung er dabei schaut.

Altäre, die so aufgestellt sind, daß der Zelebrans hinter ihnen seinen Platz hat,
sind gegenwärtig Ausnahmen. Auch kommen solche kaum anderswo als in Italien
vor, und selbst hier finden sie sich fast nur mehr zu Rom sowie in der Umgebung
Roms. Meist sind es Altäre, die an der dem Schiff der Kirche zugewendeten Seite
mit einer Confessioanlage verbunden sind oder doch verbunden waren, wie z. B. der
Hochaltar in St. Peter, in S. demente, in S. Giovanni im Lateran, in S. Cecilia, in
S. Paolo fuori le Mura, in S. Marco, in S. Cesario, in SS. Nereo ed Achilleo, in
S. Giorgio in Velabro, in den Kathedralen zu Ferentino und Anagni, in S. Andrea al
Fiume zu Ponzano Romano, in S. Maria zu Corneto Tarquinia, in der Katakombe
von S. Gennaro zu Neapel u. a. Nur wenige dieser Altäre entbehren an der Front
einer Confessio, wie z. B. die drei Altäre der Krypta der Kathedrale zu Anagni, der
Hochaltar der ehemaligen Abteikirche zu Castel S. Elia und einige andere. Auch han-
delt es sich bei ihnen in fast allen Fällen um Hochaltäre, nicht um Nebenaltäre. Zwei
vereinzelte Beispiele von Nebenaltären, die dem Volke zu gerichtet erscheinen, sind
die Altäre in den beiden Seitenapsiden der Unterkirche der Kathedrale zu Anagni,
Wie der Hauptaltar derselben Erbstücke aus dem 13. Jahrhundert.

Zur Beantwortung der Frage, ob und inwieweit es auch noch heute zu-
lässig sei, nach dem Volk statt nach dem Chorhaupt hin gerichtete Altäre zu

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Ritus celebr. tu. 5, n. 3 (London mi) 142fg'
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