Braun, Joseph
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 1): Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik — München, 1924

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556 Vierter Abschnitt. Das Altargrab

memoria bezeichnen, wie es z. B. der 14. Kanon des 5. Konzils von Karthago (401)
tut".

Von der Grabanlage wurde dann der Name memoria auch auf den Behälter,
in dem die Reliquien zunächst eingeschlossen wurden, und weiterhin auf diese
selbst übertragen. Beleg für das erstere bietet der hl. Augustinus in seiner Er-
zählung der Wunder, die durch die Reliquien des hl. Stephanus gewirkt wurden;
denn die memoria, von der in ihr die Rede ist, kann wohl nur als Reliquiar, wie
wir heute sagen würden, gedeutet und verstanden werden65. Für das zweite ent-
halten die christlichen Inschriften reichlich bezeichnende Zeugnisse. Erinnert sei
z. B. an die früher mitgeteilte Inschrift aus Guelma66. Eine Inschrift aus Enchir-
Ghellel lautet: S(unt) m(emoriae) s(ancti) Guresi67, eine Inschrift aus Meslug bei
Setif: Hie memoriae sanetorum Bincenti, Felicis, Constantii et Victoriae positae a
saneto Crescituro episcopo die III kalendas Apriles. Amen68.

Auch außerhalb Nordafrikas, in Italien, Gallien und sonst im Abendlande wurde
übrigens memoria bis über die karolingische Zeit hinaus zur Bezeichnung der
Heiligengräber und der Grabmonumente von Heiligen gebraucht69, jedoch verliert sich
dort das Wort in dieser Bedeutung seit dem Beginn des zweiten Jahrtausends
auffallend rasch, wahrscheinlich, weil man die heiligen Überreste nicht länger in
ihrem Grabe beließ, sondern erhob, und in Schreine oder sonstige Reliquiare nieder-
legte, ein Umstand, durch welchen das Grab natürlich aufhörte, memoria zu sein.
Im Sinne von Kirche (Kapelle) oder Altar kommt daselbst memoria nur selten
vor, die Sonderbedeutung von Altargrab hat es vielleicht in des Rodulfus Vita
s. Leobae70.

ZWEITES KAPITEL

ARTEN DES ALTAR GRAB ES

Heute wird das Sepulcrum allgemein oben in der Mitte der Mensa an-
gebracht; wenigstens hatten alle neuen Altäre, die zu untersuchen ich Ge-
legenheit hatte, dort das Reliquiengrab. Eine Vorschrift, das Sepulcrum oben
auf der Altarmensa anzubringen, besteht aber nicht. Nach dem römischen
Pontifikale kann es vielmehr, im Anschluß an den mittelalterlichen Brauch,
auch oben im Stipes des Altares, unterhalb der Mensa, an dessen Front sowie
an dessen Rückseite seinen Platz erhalten. Indessen ist die Praxis nach-
gerade davon abgegangen, an diesen letzten Stellen das Sepulcrum anzu-
bringen, weil das den Ritus der Altarweihe und Reliquienrekondition um-
ständlicher und unbequemer machen würde. Nur wenn ein älterer Altar,
der es schon *an der Front des Stipes hatte, neukonsekriert wird, benützt man
wohl bei der Neuweihe wieder das alte Sepulcrum. Das Altarsepulcrum ist
sonach in seiner Entwicklung schließlich beim Mensagrab angelangt.

•* Hard I, 988: Ut altaria, quae passim per Saints dans l'Afrique ehret. (Paris 1903) 15 f.;

agros aut vias tamquam memoriae martyrum E. Lucius, Die Anfänge des Heiligenkultes in

constituuntur, in quibus nulluni corpus aut reli- der christl. Kirche (Tübingen 1904) 272.

quiae martyrum conditae probantur . . . ever- ,s Vgl. z. B. Itinera Hierosolymatana saec.

tantur. IV—VIII (C. SS. eccl. XXXIX), Index nominum

" De civit. Dei 1. 22, c. 8, n. 10 11 12 (M. 41, et rerum unter memoria 365; M. G. SS. rerum

766). Merov. Lexica unter memoria II, 567; HI, 679;

" Vgl. oben S. 535. IV, 809; V, 821; VI, 665; AA. SS. O. s. Bene-

" Recueil XXXVII (1903) 316. dicti (Venet. 1733 sq.); Index onomast. unter

•* Ebd. XLI (1907) 232. Vgl. über memoria* memoria I, 673; II, 1060; Uli, 679; III«, 589;

auch J. B. de Rossi, Capsella argentea afri- IVi, 738; IVi, 635.

cana (Roma 1889) 16 und 29 f.; Bullet, ser. 3, ,0 C. 22 (M. G. SS. XV, 13): Memorias saneto-

II (1877) 97 f.; Gaston Rabeau, Le eulte des rum per singula altaria cireuivit.
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