Braun, Joseph
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 1): Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik — München, 1924

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434 Dritter Abschnitt. Das altare portatüe

ZWEITES KAPITEL

GESTALT, GRÖSSE UND WEIHEKREUZCHEN DES

TRAGALTARES

I. FORM DES TRAGALTARES

Der Tragaltar hat heute gewöhnlich Quadratform oder stellt doch wenig-
stens annähernd ein Quadrat dar. Länge und Tiefe sind also bei ihm gegen-
wärtig entweder gleich oder doch nahezu gleich. Eine Vorschrift besteht dar-
über jedoch nicht. Im Mittelalter waren quadratische Portatilien weniger
gebräuchlich; damals bevorzugte man, nach den zahlreichen noch erhaltenen
Beispielen zu urteilen, Tragaltäre von länglich rechteckiger Form.

Eines der wenigen mittelalterlichen Beispiele eines Portatiles in quadratischer
Form, die fast alle erst dem späten Mittelalter angehören, befindet sich im Besitz
des Domes zu Augsburg. Es mißt 34 cm im Geviert. Ein anderes in der Kathedrale
zu Narbonne hat 23 X 23 cm. Auch ein Tragaltar im Palazzo Pitti zu Florenz,
der durch die Marmorintarsien des Rahmens besonders bemerkenswert ist, eine
Arbeit des 14. Jahrhunderts, ist quadratisch. Von älteren Portatilien nähert sich
einigermaßen der Quadratform ein Portatile der ehemaligen Sammlung Spitzer, jetzt
im Cluny-Museum, das dem 11. Jahrhundert angehört, mit einer Breite von 25 cm
und einer Tiefe von 23 cm.

Ein bestimmtes Größenverhältnis der Seiten zueinan-
der gab es nicht. Nicht häufiig sind Portatilien, bei denen dieselben sich
wie etwa 1 : 2 verhalten. Gewöhnlich stehen sie zueinander in einem Ver-
hältnis von etwa 2:3, 3:4, 3:5 oder 4:5. Dabei bildet bald die
längere, bald die kürzere Seite die Vorderseite des
Portatiles. Im ersteren Falle ist die Breite größer als die Tiefe, im
zweiten umgekehrt die Tiefe größer als die Breite.

Welche Seite die Vorderseite darstellen soll, ergibt sich bisweilen aus der
Lage des Sepulcrums, dann nämlich, wenn dieses oben auf dem Portatile in der
Mitte einer der Seiten der Umrahmung des Steines angebracht ist. Die Seite, in
welcher es sich befindet, ist die Breit- oder Vorderseite des Portatiles, die andere
stellt dessen Tiefe dar. Häufiger jedoch zeigt die ornamentale Behandlung der
Umrahmung, welche Seite als die vordere gedacht ist, besonders wenn der Rahmen
mit figürlichen Darstellungen geschmückt ist. Die Richtung des Bildwerkes fällt
nämlich fast immer, entsprechend der Stellung des Priesters, in die Tiefenrichtung
des Portatiles. Vorderseite, d. i. die dem Priester zugewandte Seite, ist daher
jene Seite, zu der das auf der Umrahmung etwa angebrachte Bildwerk senk-
recht steht.

An Beispielen beider Arten von Portatilien ist unter den noch vorhandenen
mittelalterlichen Portatilien kein Mangel. So ist, um einige derselben anzuführen,
bei denen die längere Seite die Vorderseite bildet, das ältere der beiden Portatilien
in der Kathedrale zu Narbonne 39 cm breit und 30 cm tief. Das schöne Portatile
im Schatz der Kathedrale zu Lyon mißt in der Breite 28 cm, in der Tiefe 24;
bei einem Portatile im Domschatz zu Trier betragen Breite und Tiefe 24 und 16 cm,
bei einem Portatile im Kunstgewerbemuseum zu Berlin, mit Darstellungen von
Engeln auf der Umrahmung der Oberseite, 27 und 14 cm, bei dem sog. Mauritius-
altärchen zu Siegburg 33 und 22 cm, bei dem Tragaltar in St. Maria im Kapitol
zu Köln 31J4 und 20% cm, beim Portatile im Dom zu Xanten 23 und 19 cm. Von
den altarförmigen Tragaltären des Weifenschatzes ist einer 30,4 cm breit und
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