Braun, Joseph
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 1): Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik — München, 1924

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Drittes Kapitel. Die Mensa des Altares 245

DRITTES KAPITEL

DIE MENSA DES ALTARES

I. VORBEMERKUNG

Bei unseren Untersuchungen über die Form des Altares war es vor-
nehmlich der Stipes, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden hatten.
Die Mensa mußte dabei zwar gelegentlich gestreift werden, sie eingehender
zu behandeln, dazu bot die Besprechung der Form des Altares keinen Anlaß.
Obendrein sind der Punkte, welche bei der Mensa in Betracht kommen, so
viele, daß diese eine gesonderte Darstellung erheischt.

Die Punkte, welche bei einer allseitigen und den Gegenstand erschöp-
fenden Behandlung der Mensa in den Kreis der Untersuchungen gezogen
werden müssen, sind: Form der Mensa, Größe derselben, Eigentümlichkeiten
in der Bildung ihrer Oberseite, Profilierung der unteren Kanten der Mensa,
Löcher in den Seiten derselben, dekorative Ausstattung der Mensa, die Weihe-
kreuzchen auf derselben, Inschriften auf und an der Mensa. Nicht alle sind,
wie kaum gesagt zu werden brauchte, von gleicher Bedeutung, doch bieten
selbst die nebensächlicheren und minder wichtigen soviel Interessantes zur
Geschichte des Altares, daß auch ein Eingehen auf sie sich reichlich lohnt.

II. FORM DER MENSA
Daß in der vorkonstantinischen Zeit auch Bundtische als Altar gedient
haben, kann wohl nicht bezweifelt werden, doch war der Rundtisch wohl
schon damals schwerlich die Normalform des Altares, ja nicht einmal das
gewöhnliche. Denn besonders praktisch waren solche runde Altäre für ihren
Zweck nicht, jedenfalls waren viereckige weit praktischer. Darum haben
auch in nachkonstantinischer Zeit Altäre mit runder Mensa sich im Gebrauch
nicht behaupten können. Nicht, als ob in der Folge nie mehr ein Altar mit
runder Mensa geschaffen worden wäre, doch geschah das sicher nur äußerst
selten und lediglich ausnahmsweise. Denn es sind nicht bloß all die zahl-
reichen Altarmensen, die sich aus der ganzen Vergangenheit, vom 5. Jahr-
hundert an bis jetzt, erhalten haben, bis auf drei viereckig, auch auf den
Bildwerken hat die Mensa, wo sie auf denselben erscheint, von zwei Fällen
allein abgesehen, stets diese Form.

Die beiden bildlichen Ausnahmen finden sich auf dem Apsismosaik in S. Am-
brogio zu Mailand und auf der früher bereits erwähnten Limoger Agraffe1. Letztere
gehört dem 14. Jahrhundert an, das Apsismosaik in S. Ambrogio hat man dem
Jahrhundert zuweisen wollen, doch erweisen Stil und Charakter des Mosaiks es
als Arbeit des 12. und als stark beeinflußt von byzantinischer Kunst. Inwieweit
<ue beiden Bildwerke in bezug auf ihre Darstellung des Altares Vertrauen ver-
dienen, muß dahingestellt bleiben. Gerade sehr zuverlässig können sie nicht genannt
Werden. Was insbesondere die Limoger Agraffe anlangt, so sind Arbeiten aus
imoges nicht selten, auf denen ein Altar abgebildet ist; dabei aber hat die Mensa
sonst nie Rundform. Außerdem ist es nicht schwer, den Grund zu erraten, aus

1 Vgl. oben S. 128.
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