Bröndsted, Peter Oluf
Reisen und Untersuchungen in Griechenland: nebst der Darstellung und Erklärung vieler neu entdeckter Denkmäler griechischen Styls, und einer kritischen Übersicht aller Unternehmingen dieser Art, von Pausanias bis auf unsere Zeit (Band 2) — Paris, 1826

Page: 145
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AUSBILDUNG UND VERZIERUNG DES DORISCHEN FRIESES l45

mehr oder weniger vielfarbig, das heisst auf solche Weise angestrichen war,
dass man dem Eindruck und dem reichen Aussehen des Ganzen durch harmoni-
sche Bemalung symmetrischer Theile, besonders der oberen Bauglieder, nachge-
holfen hatte. Dieses gilt zwar vorzüglich von den aus einem unscheinbaren,
grauen und eintönigen Materiale gebaueten Tempeln3, — und so sind die
meisten Sandsteine welche Griechenlands Gebürge hergeben — aber auch die,
aus dem dauerhaftesten, und die reinste Oberfläche darbietenden Marmor
aufgeführten Tempel, wie z.B. die von Athen, Sunion u. s. w. waren stark mit
Farben angestrichen, wenigstens die erhabeneren Theile derselben, vom
Unterbalken an aufwärts, wie sich noch Jedermann selbst, durch genaue
Betrachtung der Bauglieder des Theseustempels oder des Parthenons, davon
überzeugen kann4. Die, wohl auf sehr verschiedene Weise, meistens, gewiss,
mit Weisheit und feinem Gefühle, aber auch mit weniger Scheu für das Grelle
als sie uns Nordländern angeboren ist, ausgeübte Oeconomie der Griechen
hinsichtlich der Farbenanstreichung ihrer Tempel, klar und genau darzustellen,
ist ein, aus Ermangelung nöthiger Aufschlüsse im Einzelnen, mit Schwierig-
keiten verbundener Gegenstand. Aber eine Ansicht der Sache im Allgemei-
nen gewähren uns schon jetzt vielfache Erfahrungen, und ich glaube wohl
Folgendes, als ein sicheres Resultat des Nachdenkens über diesen Gegenstand
aufstellen zu dürfen:

Die Anwendung der Farbe in der Architekturverzierung der griechischen

Wie z. B. die Tempel von Rorinth, iEgina,
Nemea, Bassae, u. s. w.

4 Ich spreche hier von den oberen Baugliedern,
wo vielfarbige Verzierungen oft noch sehr deut-
lich sind (wie wir z. B. am Gebälke des Parthe-
nons solche bald bemerken werden); was aber
die unteren Bauglieder und die Säulenmassen die-
ser Gebäude betrifft, wage ich es nicht zu ent-
scheiden , ob die jetzige sehr starke, und bei ge-
wisser Beleuchtung hochrothe Farbe der atheni-
schen , aus einem, ursprünglich blendend weissen
(pentelischen) Marmor gebaueten Tempel, bloss
vom Einflüsse der Witterung, oder vielleicht auch
von einem farbigen Anstriche herrühre.

Der erste Anblick des Theseustempels ist mir in

dieser Hinsicht unvergesslich. Er erschien uns
zuerst, als wir auf dem Wege vom Piräeus hin-
aufkamen, in einiger Entfernung und bei starker
Beleuchtung der Morgensonne, wie ein grosses,
aus düsterer Umgebung hoch emporloderndes
Feuer. An derselben Erscheinung des Parthenons
bei gewisser Beleuchtung, habe ich mich oft,
in Schatten gelagert, lange und schweigend er-
götzt. Es ist als ob die Natur Attica den herrli-
chen Marmor gegeben hätte um an ihm die ganze
Pracht ihrer Sonne, so wie das Genie ihrer Söhne
abzuspiegeln. Jene Wirkung der athenischen Mar-
mortempel im starken Sonnenlichte sah ich nir-
gends schöner wiedergegeben als in Lusieri's Aqua-
relzeichnungen.
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