Bröndsted, Peter Oluf
Reisen und Untersuchungen in Griechenland: nebst der Darstellung und Erklärung vieler neu entdeckter Denkmäler griechischen Styls, und einer kritischen Übersicht aller Unternehmingen dieser Art, von Pausanias bis auf unsere Zeit (Band 2) — Paris, 1826

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ZWEI BRUCHSTÜCKE VOM PARTHENON IM KONIGL. MUSEUM ZU KOPENHAGEN. 17 I

V.

Als ich, nach langer Abwesenheit, von meinem Vaterlande, vor etwa zwei
Jahren in Dänemark war und die Sammlungen zu Kopenhagen besuchte, fielen
mir, in dem königlichen Museum (das jetzt in Dronningens Tvergade aufge-
stellt ist) zwei marmorne Bruchstücke, wegen ihres schönen Styls und Aus-
drucks, auf; das eine, vortrefflich erhaltene, ein bärtiger Kopf mit erhobenem
rechten Arme; das zweite, ein jugendlicher, männlicherKopf, aufwärts schauend,
und mit einem sehr deutlichen Ausdruck von Schmerz oder Schrecken. Beide
etwas unter natürlicher Grösse7.

Der eine, vorwärts gebogene Kopf, der den rechten, mit grosser Einsicht
modellirten Arm bis zum Handgelenke übrig hat, ist in der natürlichen Bewe-
gung einer Person, die mit beiden Händen irgend etwas Schweres emporhebt,
um es im nächsten Momente hinab zu schleudern. Die tiefliegenden aber weit
geöffneten, abwärts schauenden Augen, die darüber stark hervortretenden
A.ugenbraunen, die scharf und mager gehaltenen Wangen, der etwas geöffnete
Mund, der denselben umgebende und den ganzen untern Theil des Gesichts
bedeckende Bart und das zottige Haar (das zwar an der linken Seite abgerieben,
aber an der rechten Seite wohl erhalten ist), endlich die höchst wahr und kräf-
tig hervortretenden Muskeln und Sehnen des gebogenen rechten Arms — ge-
ben zusammen dem Ganzen einen sehr lebendigen Ausdruck von männlichem
Stolze und Muth. Der Umriss des sichtbaren linken Ohrs, das nach oben hin
sich spitzet, deutet bestimmt an, dass dieser Kopf zu einer Centaurenfigur ge-
hörte.—Der andere, aufwärts schauende, jugendliche und unbärtige Kopf8 hat
hingegen sehr milde Züge und einen solchen Ausdruck von Schmerz oder
Schrecken, dass man ihn bei dem ersten Anblicke für einen weiblichen Kopf
halten konnte, aber die Form des Halses und des, verhältnissmässig sehr brei-
ten Nackens, bewährt ihn, bei genauer Betrachtung, bald als einen, zwar sehr
jugendlich gehaltenen aber männlichen Kopf, an dem eine, noch am Marmor
sehr deutliche, um den ganzen Kopf herumlaufende Vertiefung, und ein, ge-

7 Man sehe die XLTH* Tafel.

' S. die XLI1P Tafel, ßg. IL
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