Bröndsted, Peter Oluf
Reisen und Untersuchungen in Griechenland: nebst der Darstellung und Erklärung vieler neu entdeckter Denkmäler griechischen Styls, und einer kritischen Übersicht aller Unternehmingen dieser Art, von Pausanias bis auf unsere Zeit (Band 2) — Paris, 1826

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i44 zweites buch. DER PARTHENON. Einleitung, m.

chen bestrebten sieh überhaupt, in der besten Zeit ihrer Kunst, viel weniger all-
gemein Geltendes als individuel Schönes hervorzubringen, und sie berechneten
jedes Werk ihrer Technik, vorzüglich aber jedes grosse und unbewegliche Denk-
mal ihrer Baukunst, nach eigenthümlichen und örtlichen Beschaffenheiten2. Ein
richtiges Bestreben diese eigenthümlichen Bedingungen zu erspähen und den
Alten gewissermassen nachzufühlen, fördert oft zum Verstehen ihrer Werke
viel mehr als genaue Renntniss allgemeiner Regeln; denn die rechte Wirkung
des Ganzen, nicht genaues Maass seiner Glieder, bezweckten die alten Meister.

III.

Es wurde schon oben bemerkt, dass sobald der dorische Fries als ein, zwar
aus zwey Haupttheilen, den Triglyphen und ihren Zwischenflächen, zusam-
mengesetztes, aber ununterbrochenes Ganzes entstanden war, der nächste
Schritt seyn musste, die Metopenflächen mit Farbe und Bildwerk zu ver-
schönern.

Von diesen beiden Verzierungsmitteln war- das erstgenannte ganz gewiss
am häufigsten angewandt, und es lässt sich, nach so vielen Erfahrungen die
wir jetzt besitzen, die unsere Vorgänger aber, selbst der geniale Winckelmann,
kaum ahnen konnten, mit Zuversicht behaupten, dass es im Griechenlande
keinen einzigen, mit Fleiss und Aufwände ausgebaueten Tempel gab, der nicht

am Parthenon mit allem Rechte angesehen wer-
den; denn die Geschichte griechischer Baukunst
erwähnt, meines Wissens , kein anderes Bei-
spiel ähnlicher Art. Wenn am Gesimse der Cella
überhaupt irgend eine grosse Verzierung kom-
men sollte, so schien wohl der Dorismus des
Tempels eher Triglyphen- und Metopen-Abthei-
lung, als e;n solches, breites, in ununterbroche-
ner Reihe um den ganzen Tempel herum fort-
laufendes Band von Bildwerken zu erfordern.
Aber Iktinos wusste wohl was er machte ( wir
sehen noch, glücklicher Weise! am Parthenon,
im westlichen Pteroma, die unvergleichlich schöne
Wirkung dieses Frieses); nur bewog ihn, glaube
ich, der ganz gewiss nicht ausgebliebene Tadel
wegen dieser und anderer Neuerungen oder Ab-

weichungen vom älteren Dorismus, sich und sein
edles Werk in einer eigenen Schrift (die Vitru-
vüis, 1. VII, Praefat. §12 erwähnt) zu verthei-
digen.

2 « In der That, sagt ein kundiger Forscher,
« die Lage entschied, bei den Griechen, über
« alle Verschiedenheiten ihrer Architektur; und,
« so weit entfernt dass sie Sklaven der Regel
« gewesen, wird man keine zwei Beispiele do-
« rischer, viel weniger noch ionischer Ordnung
« finden, die sich genau ähnlich wären, weder
« in Maass und Construction, noch in Verzierung. »
W. M. Leake : Journal of a Tour in Asia Minor,
etc. (London, 1824» in-8°) pag. 25g in der'
Note, die sehr richtige Bemerkungen über die
Lage mehrerer griechischen Tempel enthält.
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