Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Clasen, Peter Adolf
Der Salutismus: eine sozialwissenschaftliche Monographie über General Booth und seine Heilsarmee$dInaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer hohen philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg — Jena: Bei Eugen Diederichs, Verlag, 1913

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.61365#0179
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
II. HAUPTSTÜCK
SOZIALGESCHICHTLICHE DARSTELLUNG DES
LEBENSGANGES DER HEILSARMEE-GRÜNDER
Die Geschichte der H. ist in gewissem Sinne meine eigene Geschichte; aber sie
ist auch die Geschichte meiner Frau . . . Kein Schritt wurde unternommen, ohne
daß sie vollständig einverstanden war. 1907, 46, 7. Die Heilsarmee ist ein Kind
des 19. Jahrhunderts. Rundschr. an die St. 0. vom Dez. 1900. W. Booth.
Große Männer sind die Kinder ihrer Zeit; aber diese Kindschaft kann nach
den, auch von der Soziologie hochgehaltenen Gesetzen von Wirkung und
Gegenwirkung doppelter Art sein. Hätte W. B. in positivem Sinne ein Kind
seiner Zeit werden sollen, so kennten wir ihn heute statt als den Begründer
des caritativen Christentums als den Gründer einer Religion der Selbstsucht.
In keinem Lande ist die Nationalökonomie so volkstümlich wie in England;
früher vielleicht in noch höherem Maße als jetzt. Die klassische National-
ökonomie eines A. Smith, 1723—1790, und seiner Schüler S. Bentham, 1748
—1832, und D. Ricardo, 1772—1823, erhob aber den Egoismus zur Grund-
lage aller menschlichen Beziehungen. So kam es, daß sich in England das
Verhältnis zwischen dem „wissenschaftlich“ denkenden Arbeitgeber und
dem Arbeitnehmer mit dem Begriff von Warenangebot und Nachfrage er-
schöpfte, während man doch in Frankreich um dieselbe Zeit, allerdings mit
dem Fallbeil, die Freiheit und den Selbstzweck des einzelnen predigte. Dann
trat ein anderer Vertreter des Smithianismus, Th. R. Malthus, 1766—1834,
auf den Plan und verkündete, „Wohlwollen könne nur ein Attribut der Gott-
heit sein, weil es, als Quelle des Handelns genommen, eine vollkommene Kennt-
nis der Ursachen und Wirkungen voraussetze“. Nach ihm hat der einzelne
Mensch überhaupt kein Recht auf seine Existenzmittel: „Der Arme kommt
zu dem fürstlichen Tisch der Natur und findet ein leeres Gedeck für sich.“
Sie befiehlt ihm also, sich zu entfernen; denn er hat ja vor seiner Geburt
nicht gefragt, ob sie ihn haben wolle. Eine ausgedehnte Armenpflege ist
schädlich; denn sie nimmt dem Volke die Sorge für die Zukunft. Mit welch
tiefer Überzeugung muß diese Wissenschaft von den Besitzenden, d. h. von
den zur Armensteuer Verpflichteten auf genommen worden sein, zumal die
Armenlast, die sich 1817 auf 160 000 000 Mark, 1832 auf 120 000 000 Mark
bezifferte, den Staat zu ersticken drohte. Das Armengesetz der „jungfräu-
lichen“ Königin Elisabeth, 1558—1603, vom Jahre 1601 wurzelte in der Auf-
fassung, es sei öffentliche Pflicht, den Unterhalt der Armen zu bestreiten.
Ein Gesetz vom Jahre 1795 gewährte dem Arbeiter sogar, wenn er nicht ein

153
 
Annotationen