Curtius, Ernst [Editor]; Adler, Friedrich [Editor]
Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung (Textband 1): Topographie und Geschichte — Berlin, 1897

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Erläuterungen zu der Übersichtskarte der Pisatis.

der Ansiedlungen und der Strassenzüge des Altertums.
Die Hosfnung, für die antike Topographie wesentlich mehr
zu erreichen als die zahlreichen Vorgänger auf diesem
Arbeitsfelde, war von vornherein sehr gering. In keiner
anderen Landschaft Griechenlands sind die natürlichen
Bedingungen für die Erhaltung alter Trümmerstätten so
ungünstig, wie im Hügelland und der Ebene von Elis,
denen festes, dauerhaftes Baumaterial auf weiten Strecken
vollkommen fehlt. Lufttrockene Ziegel, durch einge-
backenes Stroh dürftig befessigt, bilden heut das vor-
waltende Material im Aufbau vieler Dörfer des Landes.
Gewiss baute das Altertum hier nicht anders; gelangten
doch selbst beim Heratempel in Olympia Luftziegel
zu ausgedehnter Verwendung1). Das ist kein Material,
welches Jahrtausende überdauert. Auch die mürben
Sandfleine der Tertiärformation, welche hier beim
Mangel anderen Gelfeins bisweilen den schmeichelhaften
Namen »\j.a^j.aoa« erhalten, erliegen rasch der Ver-
witterung. Wo wirklich belsere aus der Ferne herbei-
geholte Bausteine für Werke von monumentalem
Charakter verwendet wurden, war für die späteren
Generationen die Versuchung, dies wertvolle Material
im Interesse eigener Arbeiten zu verschleppen, unwider-
stehlich. So ist es kein Wunder, dass nicht nur jene
Fülle kleiner Kapellen der Nymphen, der Artemis, des
Poseidon, die in den Büschen und an den Quellen von
Elis den Wanderer im Altertum freundlich empfingen,
meist bis auf den letzten Stein verschwunden sind,
sondern selbst die Nachforschung nach grösseren An-
siedlungen trotz deutlicher Fingerzeige der alten Schrift-
steller bisweilen ergebnislos bleibt. Auch die alten
Strassen der Landschaft waren keine unvergänglichen
Pssasterwege — wo solche vorkommen, lind es Arbeiten
der Türken — und hinterliessen auf dem nachgiebigen
Boden keine unverwischbare Spur.
Unter solchen Verhältnissen gewinnt die Forderung
sorgfältigsten Terrainstudiums eine ungewöhnliche Be-
deutung auch für die Altertumskunde. Wo der Mangel
deutlicher Reste die Forschung im Bereich der Ver-
mutungen zurückhält, bleibt das Relief des Landes oft
der einzige brauchbare Ratgeber. Da ist es ein Glücks-
fall, dass dieses Relief trotz der bescheidenen Höhen-
unterschiede, welche in diesem Hügelland obwalten,
keineswegs eine gleichgültige charakterlose Physiognomie
trägt, sondern scharfe Züge von einschneidender Bered-
samkeit.
Gebirgsland nimmt an dem Aufbau der Landschaft
nur geringen Anteil. In den Nordosten von Elis streichen
die Ausläufer des Erymanthos- Gebirges hinein. Alle
überragt der schartige Kamm, welcher in der Felsen-
spitze des Astras (1795 m) gipfelt. Sein Osthang senkt
sich nieder in den Bergcirkus des grossen Dorfes Divri2).
Malerisch verteilen sich dessen locker zerstreute Häuser-

1) W. Dörpfeld, Der antike Ziegelbau und sein Einfiuss
auf den dorischen Stil. Histor. und philol. Aussätze, Ernst
Curtius zu seinem 70. Geburtstage gewidmet. Berlin 1884.
S. 147 —150.
2) Sein antiker Name wird unten S. 8 in anderem Zu-
sammenhange ermittelt.

gruppen (820—1000 m) um kräftige Sturzbäche, die zu
einem Zussuss des Erymanthos zusammenschiessen. Hoch
darüber trennt ein Gürtel dunklen Tannenwaldes (1100 —
1500 m) die von einem Wechsel frischer Matten, ärm-
licher Felder, wüster Geröllzüge eingenommenen Lehnen
von der dürren kahlen Gipfelregion rauher Kalkzinnen.
Den Westhang des Astras furchen tiefe, schon zum
Peneiosgebiet gehörige Thäler. An ihren Wurzeln liegen
auf geräumigeren Böden oder breiten Bergterrassen die
fast ganz von Viehzucht lebenden Ortschaften; weiter
abwärts verschmälern sich ihre Schluchten so, dass
zwischen hohen Felsenhängen das Bachbett die Thal-
sohle vollkommen füllt und kaum noch Raum für einen
Pfad lässt. Wo diele Thäler von Vervini, Tsipiana,
Kerteza ihre Bäche zur Bildung des Peneios vereinigen,
eine Stunde oberhalb Kakotari, liegen auf dem rechten
Ufer des reissenden Flusses, 185 m hoch über ihm, die
Trümmer eines alten Kartells auf einem steilen, spitzen
Hügel mit fertiger Krone (808 m), dessen Rückseite von
der Masse des Skiadovuni (1421 m) durch einen Sattel
(776 m) bertimmt genug abgesondert ist. Nur die dem
Thal zugekehrte Ostmauer (Nord-Ende 728 m, Süd-Ende
800 m) ist in ihrer ursprünglichen Länge von etwa 300 m
noch grösstenteils erhalten und zeigt sehr verschiedene
Bauarten eng vereinigt, von roher Schichtung mässig
grosser Blöcke bis zum Mörtelverband kleiner, kaum
kopfgrosser Steine. Mehrfach ersetzen natürliche Felsen-
schrofsen die Mauer vollkommen. Von der Westmauer
ist wenig erkennbar ausser dem nahezu quadratischen
Grundriss eines aus mächtigen, fast ganz unbearbeiteten
Blöcken zusammengefügten Turmes von ungefähr 6 m
Seitenlänge. Die kurze Nord- und Südmauer lind fast
ganz zerstört. Der antike Name dieser Feste, welche
den Schlüssel der Quellthäler des Peneios bildete, ist
unbekannnt. Heut heilst sie Xivuni oder, wie Hirten
der Nachbarschaft sagten, Guläs. Der Name Paläo-
politsa, der weiter östlich zwischen Xivuni und dem
Sommerdorf Barbota auf einer Bergweide ruht, erinnert
nicht an eine antike, sondern an eine erst von den
Türken vernichtete Ansiedelung.
Dagegen liegen vor dem Westfuss des Skiadovuni,
von ihm durch eine breite Erosionsfurche getrennt, auf
dem höchsten der Tertiärhügel des rechten Peneiosufers
die Reste einer altgriechischen Feste (575 m). Man nennt
sie heut Gartsiko. Der Hügel hat noch ausgesprochener
als alle seine ähnlich geformten Nachbaren die Gestalt
eines steilen schräg abgeschnittenen Kegelstumpfes. Seine
nach Süden geneigte Gipfelfläche bricht gegen Ost und
West und namentlich hoch gegen Norden in felsigen Stein-
rändern ab, welche vielfach noch künstlich abgeschrosft
erscheinen und gekrönt sind von einer aus mächtigen
Konglomeratblöcken aufgesetzten Mauer. Der von ihr
umschlossene Raum misst von der hohen Nordkante bis zu
dem Süd-Ende etwa 300 m und verschmälert sich in dieser
Richtung ganz allmählich von etwa 60 bis auf kaum 20 m.
Zwei aus gut behauenen Konglomerat-Quadern errichtete
Quermauern, welche 120m weit voneinander abstehen,
sondern das ganze Kastell in drei stufenweise überein-
ander liegende Abschnitte. Der oberste, nur 60 m lang
und breit, ist der kleinste, aber widerstandsfähigste. An
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