Deussen, Paul
Mein Leben — Leipzig, 1922

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30. September 1913 erschienenen „Philosophie der Bibel" ihre
für mich endgültige Lösung fand. In diesem Werke habe ich
einerseits. voller vielleicht, als es je vor mir geschehen ist, der
Historischen und naturwissenschaftlichen Zlritik ihr Recht gegeben
und es doch möglich gemacht, das Christentum gerade in seinen
tiefsten, von der liberalen Theologie oft genug verleugneten Er-
kenntnissen zu retten, welches auf keinem andern Wege geschehen
kann, als durch den von Rant unerschütterlich begründeten und
erst von Schopenhauer in seiner vollen Tiefe und Bedeutung für
Philosophie und Religion gewürdigten Idealismus.

Am 5. August 1911, eben nach Abschluß der Vorlesungen,
erschien Diotima in Kiel, um als hochwillkommener East am
16. August das grotze Fest der silbernen Hochzeit mit uns zu
feiern. Es war, als wenn dieses Fest mit all seinen schönen Ver-
anstaltungen, der Musik am frühen Morgen, den zahlreichen Be-
suchen Glückwünschender, den Spenden an Blumen und herrlichen
Eeschenken, der Aufführung einer Oper, welche von Herrn Stolze
und Fräulein ^lritzler, die in der Vlüte der Iahre kurz darauf
starb, gesungen wurde, — es war, als wenn dieser schöne Tag die
Besiegelung unseres fünfundzwanzigjährigen Eheglücks und zu-
gleich dessen Abschlutz bilden sollte. Am folgenden Tage fühlte
sich meine Frau sehr elend und hat sich trotz aller Sorge durch
die Ärzte, trotz einem zehnmonatlichen Aufenthalt in der Nerven-
klinik und nachfolgender Pflege durch eine besondere Pflegerin
nicht wieder erholt, und obgleich ich nicht müde wurde, ihr Mut
einzusprechen und auch für mich die Hoffnung auf Eenesung
immer noch festhielt bis zum Neujahrstage 1914, wo ich sie zum
letzten Male lebend sah und auch mich bei ihrem Anblick der Mut
verlietz, ist sie am 2. Ianuar 1914, morgens ZVs Uhr. sanft und
ohne Rampf von ihrem Leiden erlöst worden.

Ruhig und unter erfreulich fortschreitender Arbeit an der
„Philosophie der Bibel" verlief die Zeit bis Ostern 1912, wo ich
mich rüstete, über Berlin und Leipzig, München und Innsbruck
nach Rom zu fahren und mit Diotima verabredetermatzen den
Orientalistenkongreß in Athen zu besuchen. Wir fuhren am
3. April nach Brindisi und von dort zwei Tage später auf einem
kleinen griechischen Dampfer über Korfu und vorbei an der da-
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