Deutsches Kunstblatt: Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes — 1.1854

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Literatur

Ntatt


des

Deutschen Kunstblattes.


M 22.

Donnerstag, den 2. November.

1834.

,

Inhalt: Dorfgeschichten. — Ein Sommer in London. Von Theodor Fontane.


Aorfge schichten.

Motto:

„Ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar mo-
ralische Folgen haben, aber moralische Zwecke vom
Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben."

G'öthe.

II.

Was wir als das Eigenthümliche au dem letztgenannten Werke
Auerbachs hervorgehoben haben, bildet den wirklichen Uebergang zu
den Dorfgeschichten Josef Ranks. Diese und das Hofer-Käthchen
insbesondere vertreten das eigentlich Romantische auf diesem Gebiete.
Ja es sind nicht blos Dorf-Romane, sondern eigentliche Jdeal-Ro-
mane. Nirgends in der Poesie, kaum sogar in der Malerei, sehen
wir wohl die realistische und idealistische Kunstrichtung so extrem
auseinandergehen und so viele Mittelstufen bilden, als grade im
Roman; einerseits ein selbst die Grenzen aller Kunst überschreiten-
der, blos auf Nervenerschütterung und Befriedigung kaum des Ge-
müths sondern der Neugier, auf Anregung kaum der inneren (ästhe-
tischen) sondern der sinnlichen Phantasie gerichteter Realismus, und
andererseits ein vor: dem wirklichen Leben durch Form und Inhalt
entfernter, entweder didaktisch oder sentimental erhabener Idealismus;
wir brauchen nicht an Ofterdingell und Makaria, sondern nur an
Liane und Dahore zu erinnern. Gleichwohl ist dem Roman auf
jeder Stufe immer eine realistische Seite in der pragmatischen
Entwickelung der Charaktere eigen, und wo diese vollendet
wäre, dürfte selbst die höchste idealistische Stimmung und Stellung
der Personen, dem Bedürfniß der Wahrheit und Realität genügen.
Dein Roman ist dadurch, wie durch die bei weitem freieste Bewe-
gung im äußeren Umfang, am meisten die Macht Md Gelegenheit
gegeben, Ideales und Reales ganz zu durchdringen; er kann die
Lagen und Verhältnisse der handelnden Personen ursprünglich frei
wählen, aber noch mehr, er kann die einfachsten und niedrigen Ver-
hältnisse zum Ausgang nehmen, aber das Schwungrad der Bil-
dung in Bewegung setzen, das seine Triebkraft ins Ungemessene er-
weitern kann. Die classische Tragödie konnte nur Götter, Könige
und Helden wählen, um das Unendliche der Kraft und Idealität an
ihnen darzustellen; der Roman braucht zu gleichem Zwecke nur —
gebildete Menschen, denn die Bildung und ihr Erfolg ist schrankenlos.
Selbst im Gilblas wird die Gewandtheit als unendlich angesehen,
die Gewandtheit der Person und — des Zufalls. — Dieser Ge-
danke, den wir noch nirgends berührt gesunden haben, dürfte für
die noch immer schwankende Theorie des Romans von wesentlicher
Bedeutung sein, wenn er, was uns hier der Raum verbietet, ohne
Einseitigkeit ausgesührt wird. Das eigentliche Lebenselement des
specifischen Romans, sage ich, ist die Bildung, der Gesammtheit
und besonders der Individuen: sie ist die Sphäre der Idealität,
wodurch er sich über die bloße Copie des Lebens erhebt, und den-

noch lebenswahr bleibt. Dadurch unterscheidet er sich sogleich von
dem Ritterromane des Mittelalters, welcher die Rittertugenden als
Jdealistätssphäre hatte, worin er sich bewegte, eben so auch von der
(oder bildlich dem) süßen Raffinade des wilesischen Mährchens, und
der Gewürzkrämerei des Schäferromans, der im glücklichsten Falle
mit der Scheidemünze der Gefühle wuchert. Unser Satz gilt be-
sonders vom deutschen Roman, der dadurch eine eigene Gattung
ausmacht, zu dessen Bestätigung wir wohl kaum an Meister, Wol-
demar und Reiser, an Siebenkäs und Walt und Vult sammt allen
ihren Nachfolgern zu erinnern brauchen; die neuere Erweiterung des
Romans zur Behandlnng philosophischer und religiöser, socialer und
politischer Stellungen und Fragen, wie in den Werken Gutzkows und
Sternbergs, Königs und Auerbachs, in den modernen Titanen und
eritis sicut deus ist keine Widerlegung, sondern vielmehr eine Be-
stätigung unserer Ansicht, indem eben diese Fragen zu den heutigen
Elementen der vom Individuellen zum Allgemeinen fortschreitenden
Bildung gehören. Daraus ist auch die große Anzahl literarhistori-
scher Romane erklärlich, so wie deren, welche das Künstlerleben
überhaupt zum Gegenstände haben; Leides wiederum besonders bei
uns Deutschen. — Bisher freilich hat man die Seite des Gefühls
als das eigentliche Wesen der Romantik und des Romans aufgefaßt;
es ist aber unverkennbar, daß eine romantische Tiefe des Gefühls
nur mit einer gewissen Höhe der Lebeusanschauung also Bildung
verbunden ist.

Eben deshalb nun scheint es uns mindestens gewagt, wenn
Rank das eigentliche und specifisch Romantische in die Dorfgeschichte
überträgt; offenbar in der Absicht, uns zu zeigen, daß hier dieselbe
Gemüthstiefe und Hoheit der Gesinnung ihre Stätte hat. Die
vorliegende Erzählung hat die oft behandelte Liebe zweier Brüder
zu Einem Mädchen zum Gegenstände; er ist durch so viele eigen-
thümliche und neue Motive bereichert, daß er neben dem Reiz wahrer
Poesie sogar den der Neuheit glücklich bewahrt hat. Rank zeigt sich
entschieden als ein ächter Dichter von ursprünglicher Kraft und
Frische. Aber die Individualität des Banernlebens tritt keineswegs
rein hervor; die Handlnngs- ja fast auch die Redeweise der Brüder
läßt uns in Zweifel ob sie nicht auch Universitätsgenossen find, und
doch sollen sie bloße Banernbnrschen sein. Vielleicht nur ein sol-
cher Edelmuth, wie er uns hier erfreulich und rief ergreift, würde
in den gebildeten Ständen leider unwahrscheinlich sein. Und wenn
der Verf, den Vater der Leiden Brüder, vielleicht um so unwahr-
scheinliche Gefühlsweise bei Bauern zu motiviren, in einem so idealen
Lichte zeigt, wie kaum ein Landgeistlicher erscheinen dürfte, dann
wirkt solche Idealität der Schilderung immer noch wohlthuend auf
uns, aber ästhetisch betrachtet entfernt sie sich dadurch immer mehr
von der Lebenswahrheit. Zugegeben auch, daß die gleiche Gefühls-
richtung in dem Bauern wie in dem Gebildeten sich entwickeln und
dieselbe Blüthe der Idealität entfalten kann, so müssen wir doch an

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Literatur-Blatt.
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