Deutsches Kunstblatt: Literaturblatt des Deutschen Kunstblattes — 1.1854

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Donnerstag, den 27. Juli.

1834.

Inhalt: Wilhelm von Humboldt'« Sonette. — Gedichte von Alfred Tennyson. — Zeitung. Berlin.

ilhelm von Zumboldt's Sonette.

Berlin. Georg Reimer. 1853.

Wer je in der glücklichen Lage war, sich einem Manne un-
mittelbar gegenüber zu wissen, dessen geistige Bedeutung seinen Zeit-
genossen das Gefühl der Bewunderung abnöthigt, der wird inne
geworden sein, wie gern man in dieser Situation den eigenen Ge-
danken das Lautwerden verbietet, um sich ganz- in den Genuß zu
versenken, den das. Anschauen einer bedeutenden Persönlichkeit ge-
währt. Vor einem Werke von Wilhelm von Humboldt ist das die
Stellung desjenigen, der es unternimmt, dies Werk dem Publikum
vorzuführen, und wir beabsichtigen, von dieser Gunst der Verhält-
nisse zu unserer Leser und zu unserer eigenen Freude einen möglichst
umfassenden Gebrauch zu machen. Wir schicken jedoch diese Bemer-
krmg nicht bloß voran, um damit die Form der nachfolgenden An-
zeige zu rechtfertigen, sondern wir glauben damit auch den Stand-
punkt bezeichnet zu haben, von welchem aus alleiu die Beurtheilung
der vorliegenden dichterischen Erzeugnisse unternommen werden kann.
Wenn ein Mann, dessen Leben ernsten staatsmännischen Bestrebungen
zugewandt war, und der, als er nach langer, angestrengter Thätig-
keit in einen engen Familienkreis zurücktritt, seine Muße philosophisch-
historischen und linguistischen Studien zuwendet, dennoch auch dein
Drange dichterischen Schaffens nachgiebt, von dem nran glauben
sollte, daß ihm inmitten jener Arbeiten alle Bedingungen des Fort-
lebens und aller Raum zur Betätigung hätte abhanden kommen
müssen, so giebt sich darin zuvörderst allerdings jene wunderbare
Macht künstlerischer Production zu erkennen, welche den Schaffenden
mehr stärkt als verzehrt; aber entschiedener noch fordert eine solche
Erscheinung zur Bewunderung eines Genius auf, der nach den ver-
schiedensten Richtungen hin seiner schöpferischen Kraft sich bewußt
ist, und dem inneren Triebe, dieselbe zu offenbaren, Genüge leistet,
nicht um irgend welchen äußeren Vortheils willen und bestehe er
auch nur in dem Anerkenntniß weniger Freunde, sondern lediglich
deshalb, weil das, was innerlich lebendig erwachsen ist auch nach
Außen hin Gestalt gewinnen soll. Denn selbst die nächsten Ange-
hörigen Wilhelm von Humboldt's wußten von dem Vorhandensein
dieser Dichtungen nichts, welche er, oft in später Nachtstunde, in
den letzten Jahren seines Lebens einem Manne, der sein ganzes
Vertrauen besaß, in die Feder sagte, und erst nach seinem Tode
ward das lange verborgene Kästchen mit seinem poetischen Inhalte
der Familie erschlossen.

Doch wir wollen, wie wir verheißen haben, über diese Ge-
heimnisse seines inneren Lebens den seltenen Mann selbst zur Rede
kommen lassen. Wie er seine dichterische Thätigkeit ansieht und in
welches Verhältniß er sie zu seinen sonstigen Bestrebungen stellt, das
sinden wir am deutlichsten ausgesprochen in dem Sonett, das er
„die Gesinnung" überschreibt (S. 67):

Literatur - Blatt.

Was jeder thut und wirkt auf dieser Erde, —

Er mög' in Thatengröße Ruhm erstreben,

Er möge weilen füll am Heimathsherde, —

Es ist stets vor dem Ziel doch endend Leben.

Wer will, daß es vollendet Ganzes werde,

Der muß im Busen sich ein eignes weben

Aus Wonn' und Schmerz, Gelingen und Beschwerde,

Dem Aeußren nichts, dem Jnnren alles geben.

Dann kann er dreist in's Weltgewühl sich tauchen,

Die Kräfte, die sonst nnerforschet schliefen,

An reichgegebnem Stoffe kraftvoll prüfen;

Es wird ihm nicht die innre Freiheit binden,

Im wildsten Sturm sich wird er wiederfinden,

Und was vom Himmel stammt zum Himmel hauchen.

Wir glauben den Dichter nicht mißzuverstehen, wenn wir au-
nehmen, daß eben die Dichtkunst ihm diesen Dienst geleistet habe,
sein Leben zu einem in sich vollendeten zu machen. Wer hat mehr
Gelegenheit, die Beschränktheit idealen menschlichen Wollens gegen-
über der Macht gegebener Verhältnisse zu erfahren, als der Staats-
mann, der mit warmem Herzen auf die Lösung politischer und so-
cialer Fragen sinnt? Und wer sieht sich häufiger unmittelbar au
die Grenze des Forschens gestellt, als wer es unternimmt, die Dun-
kel der Vorzeit aus den sprachlichen Ueberresten untergegangener
Völker zu enthüllen? Aber imnitten dieses „vor dem Ziel doch
endenden Lebens" verstand er es, „aus Wonn' und Schmerz, Ge-
lingen und Beschwerde sich ein eigenes zu weben" und dergestalt
sich selbst immer und überall wiederzufinden. — Was in diesem
Sinne ihm die Poesie auf dem Gebiete des Forschens und Erken-
nens leistete, das versagte sie ihm auf dem Gebiete des Gefühls
gewiß nicht. Es waren ihm in seiner hohen und vielfach bevor-
zugten Stellung doch auch manche tief einschneidende Schmerzen nicht
erspart, und in der letzten Zeit seines Lebens hatte er die schwere
Last eines langen Siechthums zu tragen. Aber in jenen Tagen rief
ihm die Poesie glücklichere Zeiten zum Nachgenuß und zur Erinne-
rung wach, und in verschönter Gestalt trat die Vergangenheit hei-
lend und tröstend an den Leidenden heran. Hören wir ihn nur
selbst (S. 159):

Das Leben ist an Möglichkeit gebunden,

Und ihre Grenzen sind oft eng gezogen;

Der Freude Maaß wird spärlich zugewogen,

Des Leidens Knäuel langsam abgewunden.

Allein der Mitternacht geheime Stunden
Sind günstiger dem Sterblichen gewogen;

Wer um des Tages Glück sich fühlt betrogen,

Der heilt im süßen Traum des Wachens Wunden.

Die Phantasie da ungefesselt schweifet,

In Erde Himmel, Erd' in Himmel greifet;

* Was kämpfend Ringen hätte nie erstritten,

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