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GEWANDHAUS
(Altstadtmarkt 1)
1303 wird das Kaufhaus der Gewandschnei-
der, der vornehmsten Gilde der Altstadt, erst-
mals erwähnt. Das Gebäude lag südlich des
Altstadtmarktes, im BrennpunktdesVerkehrs
und im Zentrum von Handel und Gewerbe.
Der Gewandschnitt war der Wirtschaftszweig,
für den Braunschweig vor allem bekannt war.
Das Lager- und Geschäftsgebäude derTuch-
händler wurde sowohl in der Breite als auch in
der Länge mehrfach erweitert.
Das heute noch dreigeteilte Kellergeschoß
des Gebäudes - nur der mittlere Teil ist ge-
wölbt - weist darauf hin, daß das Gewand-
haus allmählich zu dem Volumen gewachsen
ist, das es am Ende des 16. Jh. hatte, als die
beiden Giebelwände, vor allem die östliche,
im repräsentativ reichen Schmuck der Re-
naissancezeit erneuert worden sind. Seit die-
ser Zeit erstreckt sich das gut 60 Meter lange
Gebäude über die ganze Südseite des Alt-
stadtmarktes, war aber schon seit dem 14.
und 15. Jh. zunächst von niedrigen Verkaufs-

buden und danach von ständig bewohnten
Fachwerkhäusern auf beiden Längsseiten
eingebaut. Nachdem die letzten mittelalterli-
chen Fachwerkanbauten an der südlichen
Traufseite 1905fürden Neubau der Industrie-
und Handelskammer abgebrochen waren, fiel
die Reihe der nördlich angebauten Häuser,
die das Bild des Altstadtmarktes im Süden be-
stimmten, den Kriegszerstörungen zum Op-
fer und wurde nach 1945 nicht wieder aufge-
baut (Ausnahme: Altstadtmarkt 2, s. dort).
Demnach ist die architektonische Wirkung
des Gewandhauses auf die Gestalt des Alt-
stadtmarktes heute eine wesentlich gravie-
rendere als vor dem Zweiten Weltkriege, als
das Gebäude nur durch sein die vorgelager-
ten Häuser überragendes Dach auf die räum-
liche Begrenzung des Platzes Einfluß nahm.
Dieser nach dem Kriege neu gewonnenen
städtebaulichen Bedeutung der Nordfront
des Gewandhauses versuchte man beim
Wiederaufbau in den Jahren 1948—54 zu ent-
sprechen indem man die bis dahin nicht sicht-
bare massive Bruchsteinwand durch formal
zurückhaltende Befensterung gestaltete. Für

einen neu zu schaffenden Eingang von der
Marktplatzseite her wurde das erhalten ge-
bliebene Renaissanceportal (1590) der zer-
störten Hagenmarkt-Apotheke in Verbindung
mit einer neu angelegten Freitreppe verwen-
det. Mit der Umsetzung des alten Zolleinneh-
merhauses aus Rüningen an die Nordwest-
ecke des Gewandhauses war die erste, von
Friedrich Wilhelm Kraemer geleitete Phase
des Wiederaufbaues des Gewandhauses ab-
geschlossen. Die Denkmalbedeutung der
Gewandhaus-Nordseite resultiert daher in er-
ster Linie aus dieser Leistung der Zeit des
Wiederaufbaus: Unter dem Zwang zur äußer-
sten Ökonomie wurde eine Gestaltung gefun-
den, die den Verlust zwar sichtbar läßt, der
Gebäudefront aber durch maßvolle und ein-
fühlsame Umgestaltung eine neue Qualität
verleiht.
Rekonstruierend wieder aufgebaut wurden
die beiden Giebelwände an der westlichen
und östlichen Schmalseite des langgestreck-
ten Gebäudes. Hier bezog man sich beim
Wiederaufbau auf den Zustand der Renais-

Gewandhaus, Westgiebel


Gewandhaus, Ostgiebel


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