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sind. Überden drei vorgezogenen Eingangs-
portalen liegt der mit hohen Spitzbogenfen-
stern zwei Geschosse übergreifende Sit-
zungssaal, dem der übliche für Ansprachen
und Bekanntmachungen dienende Balkon
vorgelegt ist. Die Gliederung dieses Fassa-
denteiles ist im Erdgeschoß durch gestufte
Strebepfeiler und seitlich der Saalfenster
durch Pfeilerfiguren unter gotischen Balda-
chinen besonders hervorgehoben. Architek-
tonischer wie auch städtebaulicher Hauptak-
zent des repräsentativ aber nicht überladen
instrumentierten Baues ist der Turm an der
Südwestecke mit fünf Spitzen und umlaufen-
der, säulengestützter Aussichtsgalerie. In sei-
nen unteren Stockwerken ist er in die Rau In-
disposition des Gesamtbaues integriert, wo
im Hauptgeschoß, hinter auf zwei Seiten vor-
kragenden maßwerkgeschmückten Erkern
das Dienstzimmer des Oberbürgermeisters
untergebracht wurde. Der Rathausturm ist
sowohl markanter Bestandteil der Stadtsil-
houette als auch im Straßengefüge der Um-
gebung eine unübersehbare städtebauliche
Dominante, die in der Nachbarschaft von
Burg und Dom, in dessen Längsachse der
Turm steht, wichtige Blickachsen mitprägt.
So steht er von Süden aus gesehen als
Fluchtpunkt am Ende der Münzstraße und
ist hinter der Burg und vom Ruhfäutchen-
platz aus gesehen zusammen mit der viel-
achsigen Westseite des Baues der am stärk-
sten sprechende Akzent im Verein der hier

dicht beieinander stehenden Solitärbauten;
selbst im Westen und Nordwesten des Burg-
platzes ist er mit Blick auf Burg und Dom das
optisch verbindende Glied zwischen beiden,
indem er den als „malerisch“ empfundenen
und häufig abgebildeten Prospekt der roma-
nischen Bautengruppe mit seinerfiligranhaf-
ten und vielgestaltigen Turmspitze komplet-
tiert.
Das Hotel „Deutsches Haus“ (Ruhfäutchen-
platz 1/Burgplatz 3), nördlich der Burg Dank-
warderode gelegen und seit den dreißiger
Jahren unseres Jahrhunderts durch einen
Fachwerklaufgang mit ihr verbunden, ist
ebenfalls ein Teil der großräumigen städte-
baulichen Neuorganisation und Zentrumsbil-
dung mit der, ausgehend vom alten Bahnhof,
ein Gürtel großstädtischer, gründerzeitlicher
Architektur im Südosten und Osten um den
innersten Stadtkern herumgelegt wurde. Das
in den frühen neunziger Jahren des 19. Jh.
durch den Abbruch mehrerer alter Adelshöfe
gewonnene große Grundstück lag mit seiner
Südseite am Burgplatz und mit der Ostseite
am neu entstehenden Ruhfäutchenplatz mit
den zum Teil noch im Bau befindlichen
neuen Monumentalbauten an seiner Ost-
seite (Finanzgebäude, Ministerialgebäude,
neues Rathaus). Auch für dieses Grundstück
wurde der Anspruch einer großzügig reprä-
sentativen Neubebauung formuliert und in
der Planungsphase die Errichtung einer
zweiten Hofhaltung an dieser Stelle disku-

tiert. Letztendlich bekam jedoch mit Robert
Schrader ein Privatmann den Zuschlag für
das Grundstück und die Genehmigung für
den Bau eines Hotels der gehobenen Kate-
gorie. Die Architekten Rasche und Kratsch
errichteten das Gebäude seit 1896 mit zwei
unterschiedlichen Fassaden, die den jeweils
verschiedenen städtebaulichen Bedingun-
gen Rechnung trugen: die zum Burgplatz
weisende Front (s. Burgplatz 3) nimmt Bezug
auf die hier versammelte, stilistisch uneinheit-
liche Randbebauung des Burgplatzes, wäh-
rend die zum Ruhfäutchenplatz gerichtete
Hauptfassade mit den Formen der deut-
schen Renaissance eine streng symmetrisch
aufgebaute Schaufassade vorweist. Von dem
einst im Dachbereich aufwendig gestalteten
Fassadenzentrum mit Volutengiebel und seit-
lich begleitenden Fasadentürmen unter Glok-
kendächern ist heute nichts mehr erhalten.
Nach Kriegsbeschädigungen wurde die
Dachregion, ebenso wie die Nordfront zum
Marstall (Marstall 16, 17), in vereinfachter
Form wiederhergestellt. Bemerkenswerte Re-
ste der ehemals reich mit Steinmetzarbeiten
geschmückten Fassade zeigen noch die
Fenstereinfassungen der beiden leicht aus
der Front gezogenen Turmerker. Die Vorfahrt
ist als offene, rundbogige Halle gestaltet, de-
ren Rippengewölbe von Säulen und Pfeilern
aus rotem Granit getragen werden. Die Ge-
staltung der Restaurant- und Gasträume ent-
spricht zum Teil noch dem Originalzustand.

Ruhfäutchenplatz 1/Burgplatz 3, Hotel „Deutsches Haus“, 1896, Architekten Rasche und Kratsch


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