Fliegende Blätter — 3.1846 (Nr. 49-72)

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Der Schneider von Utm,

(Schluß.)

Zur Rechten und zur Linken des kühnen Aars schritten
die zwei jüngsten Meister, jeder einen der lautbewunderten
Flügel tragend.

Die übrigen Meister und alle Gesellen folgten paarweis,
und ein vierfüßiger Nachtrab von zwei Stadtdienern mit blan-
ken Säbeln schloß den Zug, welchem die aufgelösten Schaaren
in entsetzlichem Gedränge bis zum Münsterplatze nachwogten.

Als Joseph endlich nach langem Harren der untenstehen-
den Menge auf der Gallerte des Thurmes erschien, brach ein
allgemeiner Jubel aus, und Kanonenschläge erschütterten aus s
Neue die Luft. Wer da glaubte, daß diese zu Ehren des
Schneiders losgebrannt morden wären, befände sich in einem
groben Jrrthum. Durch den Kanonendonner wurde die Ab-
fahrt des Königs von seinem Hotel verkündigt, und wenige
Minuten darauf erschien er auch schon in seinem prächtigen
Staatswagen auf dem Platze.

Der Schneider aber stand oben in der schwindelnden
Höhe auf der Brüstung der Gallerte, und war nicht zn be-
neiden. Wie zur Probe erhob er bisweilen die Flügel, auf
welche so viele tausend Augen in gespanntester Erwartung ge-
richtet waren. Wohl zehnmal erscholl es wie aus Einem
Munde: „Jetzt, jetzt fliegt er ab!" Und zehnmal folgte ein
ärgerliches „Noch nicht!" dem freudigen Ausrufe, wenn der
unschlüßige Schneider die Flügel wieder hängen ließ. Dem
König und dem Publikum, von welchem schon seit einer
Stunde durch mehrere Dutzend aufgestellte Männer mit ver-
schlossenen Büchsen Geld für den kühnen Helden des Tages
eingesaminclt wurde, dem König und dem Publikum ward nach-
gerade die Zeit zu lange.

Während Friedrich Wilhelm, ungewohnt zu warten, an
den dienstthuenden Kammerherrn eben den gemessensten Befehl
ergehen ließ, dem zaudernden Schneider-Adler durch ein Sprach-

rohr anzudeuten, daß er, wenn er nicht augenblicklich fliege,
dazu gezwungen werden solle, war der Bürgermeister vonr
Thurme herabgekommen, und näherte sich mit verzweifelter
Miene dem Wagenschlage, um voll der peinlichsten Verlegen-
heit zu melden, daß der Schneider um keinen Preis zu be-
wegen sei, die feste Gallerte unter seinen Füßen mit der freien
Luft zu vertauschen.

Und so war es in der That. Zitternd an Leib nud i
Seele stand der auf einmal ganz muthlose Schneider oben,
und maß mit entsetzlichen Blicken die Tiefe.

„Nein, da hinab stürz' ich mich nicht!" ries er mit blaßen
Lippen.

„„Das sollst du auch nicht,"" wurde ihm beschwichtigend
entgegnet, „„wofür hast du denn deine Flügel?""

„Aber mein Gott, die schreckliche Gefahr! Mir ist cs
wahrlich nicht um mich; allein da unten auf dem Platze
wimmelt es von Menschen wie in einem Ameisenhaufen, wenn
ein Flügel bricht, schlag' ich wenigstens ein Dutzend tobt!"

Da donnerte das Sprachrohr des Königs Befehl herauf.
Blitzschnell sprang mit einem mächtigen Satze der Schneider
von der Gallerte — hinaus? — nein, hinein in den Thurm,
und es half kein Bitten, kein Drohen, kein Ziehen und
Zerren; weder goldene Versprechen noch die Ungnade des
Königs konnten ihn bewegen, noch einmal die gefährliche
Gallerte zu betreten.

„Nein, nein!" rief er aus Leibeskräften sich widersetzend,
„das wäre ja ein gräßlicher Sturz, wie Butter auf Brod
gestrichen, läg' ich in drei Sekunden unten auf deni Pflaster.
Fliege wer da will; er soll das Geld haben und den Ruhm.
Ich bin nicht so engherzig — nehmt meine Flügel, ich be-
gnüge mich mit dem Bewußtsein der Erfindung, fliegen mögen
Andere."

Als alles dieses der unwilligen Majestät gemeldet wurde,
mußte sie herzlich lachen. Nicht so das Volk. Erst durchlief

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