Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Glaser Baumann's System einer rationellen Holzcrsparniß.

rcdung kann man sie am nächsten Abende draußen auf dem 1
Waldschlößcbcn an dem Tische wiedcrfindc», wo sic sich schon
seit vielen Sommern zu treffen gewohnt waren.

Die Unterhaltung des ersten „auswärtigen" Abends dreht
sich gewöhnlich um die Erinnerungen des Winters in wirth-
schaftlicher und häuslicher Beziehung; das Gespräch über Politik
und Tagcssragen wird erst später wieder ausgenommen.

„Ä recht kaltes meschantes Wetter ist doch gewesen,"
sagt der Lohgerber Friedcmann.

„Ei ja, un wie lange hat die Zackermentskälte gedauert,
mer dacht, sc sollte gar nich alle weren," stimmt der Kalkulator
Schmidt ein.

„Nu eben" sagt der Tischler Schubert, „das hat wieder
ä schcenes bischen Fcirungsmaterial gekostet."

„De Stecnkohlcn weren ooch alle Dage theirer, und
immer schlechter," bemerkte der Lackirer Meißner; „se dambfcn
und rochen jetzt, daß cs Eenen ordentlich in de Oogen beißt."

„Da missen Sc's machen, wie ich, ich brenne blos Holz,
rcenes weißbichencs," wirft der kleine dicke Glaser Bau-
mann ein.

„Wie? Was? Holz? un noch dcrzu weißbichencs? Na,
da missen Sie doch wärklich 's Geld rccne zum Wcgschmeißcn
haben, rufen die übrigen Gäste gleichzeitig und werfen dem
Glaser eben so erstaunte als vorwurfsvolle Blicke zu.

„Meine Frau will's nu ecnmal lmräuli nich anders; se
sagt: mit de Stcenkohlcn verrußt un verdräckcrt ihr 's ganze
Loscht," entgcgncte Baumann.

„Na da sollte mir meine kommen, ich wollte se schone
fihren," sagte Meißner. „In so ä Loscht wie Ihres braucht
mer ja wenigstens ä vier, finf Klaftern Holz, un unter zwclf,
dreizehn Dhaler kriegen Se kecne Klafter niche."

„Der Preis stimmt, aber mehr wie zwee Klaftern Hab'
ich noch nie nich gebraucht," versichert der Glaser.

„Jh, geh'n Se weg," lächelt ungläubig Schmidt, „da
kennen Se höchstens frih und Abends zwee Scheitchcn in 'n
Ofen stecken und missen frieren wie ä Hund."

„Im Gegentheclc," sagt Baumann, „warm muß ich
sitzen, denn ich bin srosterncr Natur un mei Loscht kennen
Se doch ooch Alle; vorucraus änne zweefcnstrigc un änne
ecnfenstrigcStube, alle beede geheezt, hintennaus deSchlaf-
kammer ooch geheezt un fcr de Kiche fällt ooch noch genug
zum Kochen ab."

Die Gäste des Tisches, sämmtlich Familienväter und hin-
reichend bewandert in Wirthschaftsangelegenheiten, schütteln un-
! gläubig die Kopfe und kommen nach mannichfachen Berechnungen zu
dem Resultate, daß cs durchaus unmöglich sei, mit zwei Klaftern
! Holz in der angegebenen Weise während eines ganzen Winter-
halbjahres anszureichcn.

Baumann hört schweigend und psifsig lächelnd alle diese
Berechnungen mit an, bis er endlich, als der Streit den
. Gipfelpunkt erreicht hat, das Wort ergreift.

„Erlooben Sc, meine Härrens," beginnt Baumann,
„sähen Sc, ä langes Hin- und Herstreiten nitzt hier gar
! nijcht niche, denn 's hat ä Jeder Recht; die Sache is möglich,

aber sc is ooch nich möglich — ganz wie mer se ansieht.
'S kommt Sie hier Alles bloS uff die eegenthümlichcn Um-
stände an, von die aus mer seinen Gesichtspunkt ansch'n muß.
Die ganze Sache ist Sic nämlich ä so: Meinen Hauswärth
kennen Se doch, den alten reichen Kautz, den Bartekiljch
Schnabel. Nu säh'n Sc, das is nu ä ecnzlichter Mann, ä
alter Junggeselle, der den ganzen Winter blos eene Stube
heezt und doch braucht er allemal gerade noch ä mal so viel
Holz als wie ich — g'rade vier Klaftern und ooch wciß-
bichenes. Das weren Sie nu vielleicht ooch wieder nich gloobcn
wollen, aber 's is doch ä so. Schnabel will's selber immer
nich glooben un sagte oftc zu mir: Nee, Herr Baumann, sagt
er, ich wecs gar nich, wie mei Holz so rasch alle wärd, sagt
er, 's muß gar nich mit rechten Dingen zugehen, sagt er. —
Ja, sag' ich, Herr Schnabel, das scheint mir selber ä so, sag
ich, aber ich kann mer's ooch nich erklären, sag' ich. — Wie's
ecgentlich zugeht, wccß ich Sie aber recht gut, nur bin ich
nich so dumm, daß ich's ihn uff de Nase binden thnc. Schna-
bel is nämlich ä gar schre ordentlicher un binktlicher Mann,
hären Sc, bei den muß Sie Alles uff de Stunde un uff
de Minute geh'n. Nu hat er'ö also noch so cingericht't, daß
er allemal 'n ersten August un 'n ersten Dezember sich sei
Holz aufahrcn läßt, jedes Mal zwee Klaftern hartes, weiß-
bichencs. Ich habe mer's in meine Haushaltung nu ooch akradc
so cingericht't und koofe mir ooch allemal 'n ersten August
un 'n ersten Dezember mei Holz, ooch hartes, weißbichencs,
aber allemal blos eene ccnzigc Klafter. Das Holz wärd
Sic nu uff der Straße vor'» Hause hiugefahren un abgeladen,
ganz nahe bei 'nander, weil 's Haus nich so sehre brect ist.
Schnabel is, wie Se wissen, ä bischen sehre genau, was 's Gcld-
ausgäben anbetrifft un deshalb nimmt er ooch niemals nich mehr
als wie drei Mann Holzhackcr un noch dcrzu uff 'n Dagc-
lohn, ä halben Dhaler bro Mann. Ich nehme ooch fcr meine
cenzige Klafter drei Mann, ich bin aber nich so, ich gäbe Jeden
zwanzig Ncugroschcn un ä Schnaps. Das wissen Sic nu
Schnäbeln seine Holzhackcr recht gut un ärgern sich ooch nicht schlecht
dadribcr, aber Schnabel gibt nu eenmal nie nich mehr. Nu geht
Sie also 's Gesäge un 's Gehacke unten uff der Straße los;
meine Holzmachcr sin Sie krcizfidel, weilst ihren guten Schnaps
kriegen, Schnäbeln seine sin aber märr'sch un verdrießlich, weil
st außer ihr bischen Lohn weiter gar nischt nich kriegen. Säh'n
Sc, nu is Sie's ä so: wenn meine Leite nu ä mal 'n Ricken
kehren — bautz! — schmeißen Schnäbeln seine ä baar Holz-
schciter riber uff meinen Haufen, denn st denken: worum
soll'n mir's denn uns nich ä bischen bequem machen, die an-
dern Karle kriegen so mehr Geld, un haben weniger zu ar-
beiten als wie mir! — Das geht Sie nu 'n ganzen Vor-
mittag so fort un da dauert's gar nich lange, so is von
Schnabel» seinen Holze änne halbe Klafter allcrwenigstens
riber uff meine Klafter geschmissen. Na säh'n Sc, was soll
ich nu dabei machen — soll ich mich etwa 'neinmengen un
den Leiten ihren Sbaß verderben? Nee, das kann ich gar nich,
denn erstens geht's mir gar nischt nich an und zweetens Hab' ich
Schnäbeln seinen Holzhackcrn ooch gar nischt nich zu sagen, wenn
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