Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Nur dessen erinnere ich mich noch dunkel, daß ich die
Gute fragte, ob sic Fräulein Mathilde Werner fei, eine
Frage, die in meinem Munde eigentlich höchst seltsam klingen
mußte, welche aber das gute Mädchen mit Ja beantwortete.
Dann, glaube ich, fragte ich toller Weise: Wie heißt denn

ihre ... wie ich sic genannt, weiß ich auch nicht mehr,
aber meine Frage mußte verstanden sein, denn ich erinnere
mich, daß mir die Antwort wurde: „Das ist meine Cousine

Laura, meines Vaters Bruders Tochter, beide Eltern sind
ihr schon lange gestorben, und seitdem wohnt sie bei uns.—"
Darauf, glaube ich, versank ich in ein verzweifeltes hartnäcki-
ges Schweigen. Meine arme Mathilde mochte in diesen Au-
genblicken nicht wenig unter meiner Verlegenheit leiden. Die
Stille wurde immer peinlicher, immer entsetzlicher. Da er-
barmte sich die Gute und fing an und fragte mich, ich denke
(gewiß weiß ich's nicht, denn die ersten Stunden unseres Bei-
sammenseins liegen mir in der Erinnerung wie ein böser
Traum) wie cs mir in Arnsdorf gefallen habe, und fragte
so weiter, während ich in meiner Verzweiflung nur abgerissene
gedankenlose Antworten gab und an nichts anderes dachte,
als wie sich dieses Mißvcrständniß lösen sollte.

Als mein guter Schwiegervater glaubte, die Herzcnscr-
gießungen, die, wie er meinte, zwischen uns stattfindcn würden,
könnten nun zu Ende sein, trat er in das Zimmer und —
o Qual! — hinter ihm die wirkliche Waise, die vermeintliche
Mathilde, das niedliche frische Mädchen, auf das ich cs ja
eigentlich abgesehen hatte. Er eilte auf uns zu, legte unsere
Hände zusammen und umschloß uns beide in einer Umarm-
ung, während sich seine Vatcrfrcudc in manchen Segenswün-
schen Luft machte; und ich Unseliger schaute aus der Umarm-
ung heraus, die mich immer fester an diejenige knüpfte, die

Die Falsche und doch die Rechte.

(Fortsetzung.)

ich gar nicht wollte, herüber nach dem schönen Kinde, dem ei-
gentlichen Ziele meiner Sehnsucht und Jammer und Verzweif-
lung wuchsen immer höher in meiner Brust empor.

Jetzt kam auch sie heran und gratulirtc uns; freilich
sah ich dabei, wie ihr der Umstand, daß ich ihre Cousine und
nicht sie gewählt hatte, offenbar keine tiefe Wunde geschlagen
haben mochte, und daß sie also, wie ich mir doch zuweilen
vorgeschmcichclt hatte, mich nicht gerade zärtlich in ihr Herz
geschloffen haben mochte, denn sic gratulirtc mit ungemeiner
Munterkeit, ja, wie es mir scheinen wollte, mit einem
mühsam unterdrückten Lachen. Ich habe es hinterdrein wohl
erfahren, daß ich mich in Betreff des Lackcns nicht getäuscht
hatte, denn ich will Dirs nur gestehen, ich war, feit mich
das Donnermädel gesehen, stets der Gegenstand ihres Spot-
tes und ihres Leichtsinnes gewesen, aber damals wußt' ich
das ja noch nicht.

Vergeblich rang ich nach Krask und Muth, auszusprin-
gen und den Leuten allen kurz und deutlich zu erklären, daß
hier leider ein Mißvcrständniß obwalte, daß ich die Tochter
gar nicht haben wolle, sondern die Cousine; aber konnte ich
denn das dem glücklichen Vater gegenüber, konnte ich cö >m
Angesicht des sanften Mädchens, das — so viel mußte ick
mir bei aller Wuth und Verzweiflung gestehen — eine so
liebe milde Stimme habe, das so freundlich mit mir gespro-
chen und Alles versucht hatte, mir aus meiner Verlegenheit
zu Helsen.

Mein Schwiegervater, in seiner mich zur Verzweiflung
bringenden Freude, war unermüdlich, unsere Hände immer
wieder in einander zu legen und auf sein Gebot hin mußten
wir unS gar den ersten Kuß geben. Himmel und Erde! und
ieber Augenblick drehte die verhaßten Fäden, die mich an die
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