Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Herr Müller.

(Schluß.)

Als Herr Müller am andern Morgen erwachte, glaubte
er nicht anders, als daß er blos geträumt habe. Mürrisch
warf er sich in die Kleider, um nach dem Brunncnhause zu
gehen und dort wieder den entlegensten Winkel der Gartcn-
anlagcn zu seiner vorgcschricbenen Kurpromenade zu wählen.
Hier angelangt, überzeugte er sich jedoch bald, daß er nicht
blos geträumt habe, denn von allen Seiten kam man
ihm freundlich, ja sogar mit Auszeichnung entgegen. Auch
des Mittags sah Herr Müller sofort, welche Aendcrungcn vor-
gegangen seien, denn sein Couvert lag nicht mehr an der
einsamen gemiedenen Tischecke, sondern gleich mit oben an und
sogar noch vor demjenigen des Herrn Roscnfcld.

An dem Nachmittage wurde er selbst der Vcrgnügungs-
commission mit zugcthcilt, welche den Ort in der Umgegend
zu bestimmen hatte, der als Ziel des Spazierganges für den
Rest des Tages galt.

In dieser rasch erworbenen Stellung wußte sich Herr
Müller denn auch für die Dauer seines Aufenthaltes zu be-
haupten. Der Rang, zu dem er so plötzlich erhoben worden
war, schien ihm entschieden zu schmeicheln und bald hatte er
in seinem Auftreten eine größere Sicherheit erlangt; ja, er trat
auch zuweilen mit eigenen. Vorschlägen und Anordnungen an
das Licht, die bereitwillig angenommen und befolgt wurden,
denn die übrigen Comitömitglieder waren alle darin einig, daß
man den vermeintlichen Freund des großen Humboldt sich in
gewissen Dingen untcrordncn könne, ohne dadurch der eigenen
Würde etwas zu vergeben.

Wenn Man freilich einzelne Acußcrungen und Thatsachcn
näher in das Auge faßte, so wollten diese durchaus nicht einem
Gelehrten oder Touristen ziemen. Aber immer wieder beruhigte
mau sich mit der begründeten Erfahrung, daß gerade die Männer

der Wissenschaft gewöhnlich einseitig und im gesellschaftlichen
Umfange unerfahren seien. Die eigenhändigen Widmungsworte
des größten Gelehrten, in dem Exemplare des Kosmos, waren
für Herrn Müller dennoch, von nun an, ein vollgültiger Frei-
brief in dem Badeorte und bei den vornehmen Gästen daselbst.
Doch scheute man sich, direkt darauf auzuspielen, um nicht
wissen zu lassen, daß die Neugierde der Stiftödame die Ent-
deckung herbeigeführt habe.

Ganz besonders fühlte sich der Herr Hofrath von Löwen-
zahn zu Herrn Müller hingczogcn. Löwenzahn war ein leiden-
schaftlicher Handschristensammler und seine Freundschaft für
Herrn Müller hatte den eigentlichen Zweck, sich am Ende wo-
möglich in den Besitz der Humbold'schcn Widmung zu bringen,
die er dann für ein Juwel in seiner Autographcnsammlung
betrachtet hätte. Der Hofrath ging jedoch bei seinem Plane
ganz diplomatisch zu Werke. Er beschloß, Herr» Müller erst
durch allerhand Aufmerksamkeiten und Bevorzugungen für sich
so zu gewinnen, daß jener ihm dann seine Bitte um das kostbare
Buch kaum abschlagen könnte, zumal wenn dieselbe Müller erst
kurz vor seiner Abreise erführe. Wäre es dann von Herrn
Müller im höchsten Grade unrecht gewesen, wenn er dem so
liebenswürdigen Hoftathc diese Bitte versagt hätte?

So calculirte wenigstens der Herr Hvfrath von Löwenzahn
und verschwendete an Herrn Müller alle seine schmeichelhaften
Protcktionskünste. Herr Müller ließ sich dies Alles recht gern
gefallen und er hatte sich überhaupt jetzt so herrlich in alle
Badegewohnhciten hineingelebt, daß er mit schwerem Herzen
an seinen Abschied dachte, der in wenigen Tagen erfolgen sollte.

Der Hvfrath, der nach der Abreise des Majors den Vor-
sitz im Vcrgnügungsrath und im StandesbeurtheilungScomitö
führte, beschloß, um seinen Zweck wegen des Buches ganz zu

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