Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

Page: 153
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb33/0157
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- —^ _ _ Erscheinen wöchentlich ein Mal. Subscription-'- vvv,,,

^ ' Handlungen, sowie von allen Postämtern und ^ prris für tcn 53anb son 26 Slummcni 3 fi. 54 fr. AAAIII* 19Ö-

ZcitungSerpeditioncn angenommen. ■ od. 2 Ntblr. 5 Sgr. Einzelne Nummern kosten 12 kr. od. 4 Sgr.

Herrn Grass Nheinreisetagebuch.

(Fortsetzung.)

Da ich mir als besonderen Zweck unserer Reise vorge-
nommen hatte, alle Kunst- und Naturbroduktc gans genau zu
erforsche», so war ich am meisten daraus bedacht, von den
Rheinwein das so sehr nöthige Quellenstudijum zu machen.
.Kohle hatte mir für diesen Zweck eine Flußkarte angesertigt,
die ich wegen ihre allgemeine Nitzlichkcit und Deitlickkcit hier-
mit einen Jeden empfehlen kann, dem eS daran liegt auch
zu wissen, wo diese oder jene gute Sorte wächst und nach
welcher sich selbst der hier gänslich unbekannte Fremdling
leicht ohriechcntiren kann.

Es ist am Besten, wenn man bei jeder als trinkbar
angedciletcn Stazion das Dambfschiff verläßt, sich durch Kosten
und Browircn von die Zustände übcrzeigt und dann gesättigt
mit das nächste Schiff einer andern guten Sorte entgcgcneilt.

Besonders der Anfang der Reise von Mein;, wenn man
erst das Luftschloß Biwcrich hinter seinen Ricken hat, ist für
den trinkbaren Naturforscher von großer Reizbarkeit, weil hier
so zu sagen, die besten Wcinsorten aus beide User zugleich
wachse».

Die erste.Sorte, welche gans nach meinem Geschmack
war, ist ein recht liebliches nettes Städtchen auf die rechte
Seite mit Namens Erbach. Es ist dieses eine gute Sorte
Blanker ä zehn Groschen die Flasche. Gleich daneben darf
man den bcricmtcn Steinbcrgcr nicht ungckostet vorübcrfahren
lassen.

Wenn man damit kaum fertig ist, so schimmert durch
die Weinberge der schöne Markebrunner, welches ein wahres
Baradics ist, aber ein bischen sehrc schwer und auch gewehn-
lich zwanzig Groschen die Flasche, wenigstens aus den Dambf-
schiff. Am Lande und in ganscn Fässern ist die Sorte auch

billiger und bequemer, weil man dort mit Ruhe dabei kan» j
sitzen bleiben, bis man genug hat.

Nun kommt aber eine rechte gefährliche Stelle in den
Rhcinstrom, wo schon mancher unschuldiger Reisender vor
Verzweiflung sich keinen Rath nicht zu holen gewußt haben
mag. Es ist dieses nämlich die mcrkwirdige Gegend, wo auf
die linke Seite das liebliche Städtchen Ingelheim, sehr gute
Sorte Rother und nicht theuer, herüberwinkt, während uns
auf die rechte Seite das freilich etwas näher am Ufer liegende
Hattenheim auch gewaltig anzieht. Weil cö aber nach Ingel-
heim hinüber doch zu weit ist und der Hattenhcimer doch auch
nicht ganz von Stroh ist, so ziehen wir diese letzte Sorte vor.

Ach aber schon nach diese kleine Strecke auf dem Rheine
muß der etwas gefihlvollc Mensch bereits eine traurigtc Er-
fahrung an sich selbst machen. Denn wenn auch seine Augen
den schönen Vorzug besitzen, niemals nicht satt zu werden zu i
brauchen in den Anblick beliebter Gegenstände, so ist dieses
leider doch mit der Gurgel oder sogenannten Kehle nicht ebenso,
sondern cs kommt stets über kurz oder über lang die traurige
Stelle, wo auch bei die beste Sorte der Mensch sich mit bc- k
tribtc Blicke sagen muß: ich kann nicht mehr!

Grade so erging es auch uns, weil wir um die genauere
Anschauung zu genießen uns auf das feste Land begebe»
hatten und uns nun bei unsere wissenschaftliche Brisling — so
was man zu sagen pflegt — feste getrunken hakten. Der j
Mann von innerlichtcn Werthc darf sich aber darum nickt be -
kimmern, sondern er muß sich in alle Lagen finden, weshalb
wir auch den Rest dieses Tages in dem so wohlschmeckenden
Städtchen Hattenheim zu beschließen gedachten, damit wir am I
nächsten Tage bei guter Zeit an Ort und Stelle das Schloß
Johannisberg einmal grindlich durchbrowiren könnte».


loading ...