Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Herr Müller.

Der stumme Bote.

D'rum sprach zu ihm er unerkannt:

„Ihr Alter kennt wohl rings das Lanv,

Und könnt gewiß mir sagen,

Ob auch das Volk sich glücklich fühlt,

Und was bei ihm der König gilt
Zur Zeit, in unfern Tagen."

Der Greis betrachtet erst ihn stumm,

Und sieht sich dann bedenklich um,

Ob Häscher sich nicht zeige»;

Will sprechen schon, da fällt ihm ein,

Der fragt, könnt' selbst ein solcher sein; —

Er eilt vorbei mit Schweigen.

Da starrt der Fürst nun ernst und bleich
Ihm nach, und spricht für sich sogleich:

„Das war der stumme Bote!" —

Er dacht' an seines Vaters Wort,

Und all' die Räthe jagt' er fort,

Eh' Schlimm'rcs noch ihm drohte.

Bei'm Volke selbst dann holte Rath
Fortan er sich zu jeder That
Und jeglichem Gebote:

Und wieder war das Land beglückt,

Und niemals wurde mehr erblickt
Im Schloß der stumme Bote. L. M.

Herr Müller.

(Fortsetzung.)

Und das sollte nun Herrn Müllers Badekur sein! Für den
größten Thcil irgend empfindsamer Menschen wäre dies die unver-
meidliche Quelle einer gefährlichen Gallcnkrankheit geworden.

Eines Nachmittags jedoch trat in diesen unleidlichen Zu-
ständen eine ganz merkwürdige und unerwartete Wendung ein.

Die Gesellschaft hatte zu ihrem Spaziergänge eine alte
Burgruine gewählt und unbewußt, denn er wurde ja von den
Absichten der Uebrigcn nicht unterrichtet, hatte Herr Müller
denselben Ort zu seiner Wanderung auserkoren. Freilich war
er viel früher als die große Gesellschaft aufgebrochen, harte
sich dann auf einem schattigen Rasenplatz bei der Ruine ein
herrliches Plätzchen ausgesucht, dort sein Buch aus der Tasche
gezogen, und war nach kurzer Lektüre fest cingeschlafen. Das
Buch aber lag, seiner Hand entfallen, im Grase neben ihm.

Kurze Zeit nachher langte die größere Gesellschaft auch
i hier oben an, ohne durch ihre Ankunft den sanft schlummern-
den Müller aufzuwccken. Bemerkt wurde der Schläfer zwar
bald genug von den übrigen, allein man kümmerte sich nicht
um ihn. Nur die Stiftsdame Aurora von Abendroth konnte
der Neugier nicht widerstehen, zu erfahren, welche Lektüre
denn eigentlich Herr Müller mit sich führe. Sic bat den immer
gefälligen und bereitwilligen Rosenfcld, ihr doch das Buch
einmal zu bringen.

„Ich werde holen das Buch wie der Ritter Delorgcs
i Schillers Handschuh holt in der Ballade mitten ans der kaiscr-
: lichcn Menagerie," sprach davonhüpfend der Banquier.

„Hier haben Sic cs freilich anstatt mit wachenden Löwen
und Tigern nur mit einem schlafenden Bären zu thun," warf
die Frau Baronin Rauenfcls lächelnd ein und die ganze Ge-
sellschaft lächelte ihr nach.

Roscnfeld hatte das Buch, ohne den Schläfer zu erwecken, glück-
lich aufgehoben und brachte cs jetzt der neugierigen Stiftsdamc.

Mit gcringschätzender Miene nahm dieselbe das Buch in
die Hand, allein schon der Titel des Buches benahm ihr dies
Lächeln einigermaßen — cs war Humboldts Kosinus.
Alle übrigen Badegäste drängten sich heran, um sich ebenfalls
das Buch anzuschauen.

„Scheint da nicht, noch etwas zu stehen geschrieben auf
dem Blatte vorher," bemerkte der scharf beobachtende Rosenfcld.

Die Stiftsdame wandte jenes Blatt um und nicht viel
hätte gefehlt, so wäre das Buch ihren Händen entfallen, denn
da standen von der charakteristischen Handschrift des großen
Gelehrten deutlich die Worte zu lesen:

Alexander von Humboldt
aus inniger Verehrung
seinem Freunde Müller.

Ein aus wolkenlosem Himmel plötzlich hcrnicderfahrendcr
Blitz könnte keine größere Wirkung auf die Gesellschaft her-
vorgebracht haben, als diese wenigen Worte. Ein allgemeines
bewunderndes Ah! entwand sich allen Lippen und mit hoch-
achtcnder Scheu blickte man auf den noch immer ruhig fort-
schlafcndcn Müller, den man bisher höchstens nur über die
Achsel angesehen hatte. Die Stiftsdamc ließ cs sich nicht nehmen,
das Buch eigenhändig wieder neben den Schläfer so vorsichtig
als möglich hinzulegcn.

„Wenn man Herrn Müllers Kopf recht genau betrachtet,"
flüsterte sie hierauf, „so scheint doch manches phrenologische
Merkmal auf großes Wissen und Gelehrsamkeit deutend, zu-
gleich sich neben der Bescheidenheit zu finden."

Die Frau Commerzicnräthin bemerkte dagegen, daß ge-
lehrte Leute zuweilen wenig auf Acußcrlichkeiten hielten und
daher wohl auch der Mangel an feiner Wäsche bei Herrn
Müller herührcn dürfe.

Der Major, der anfangs gegen den schlichten Herrn
Müller am allcrärgstcn getobt hatte, war auch ruhig geworden,
und grollte nur darüber, daß ein Mann von wissenschaftlicher
Distinktion sich nicht früher zu erkennen gegeben habe.

Der Hofrath war der Meinung, daß wahrscheinlich dieser
Herr Müller ein namhafter Tourist sei, der später die Be-
schreibung seiner Reise veröffentlichen würde. Er rieth daher,
daß man alle bisherige Vernachlässigung, deren man sich gegen
Herrn Müller hatte zu schulden kommen lassen, durch um so
freundlicheres Entgegenkommen von nun an ausgleichcn sollte.
Ja, der Herr Hofrath machte sogar mit einem unzweideutigen
Seitenblicke auf den Banquier Rosenfcld die Bemerkung, daß
ein Freund von Humboldt keiner Gesellschaft Schande bringen
könne, und gewiß manchem weniger bedeutenden Manne vor-
zuzichcn sei.

Rosenfeld, diesen auf ihn zielenden Seitenhieb zufällig
oder absichtlich überhörend, stimmte der Ansicht des Hofrathcs
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