Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Die Falsche und doch die Rechte.

Ungemach fing schon in dein ersten Schuljahre an. War irgend
ein dummer Streich von uns ausgcführt worden, dann drehte ;
und wendete es sein böses Geschick doch gewißlich so, daß der erste j
Verdacht des zornglühenden Magisters auf ihn fiel, und erst
nachdem sein unschuldiger Rücken die kräftigsten Beweise des
pädagogischen Grimmes davongetragen, stellte es sich heraus,
daß der Fritz ja ganz unschuldig an der Sache sei. War irgend
einem von uns eine Ohrfeige zugcdacht, so mußte sicherlich
Fritz in dessen Nähe stehen, und der wohlgezieltc Schlag sauste
gewöhnlich an dem flugs Unterlauchenden vorbei und traf die
nichts ahnende unschuldige Wange des armen Burschen, den
das Schicksal zum Wehträger einer ganzen Klasse ausersehen
zu haben schien. Unter solchem und ähnlichem „Pech" wuchs
er heran und hoffte vergebens, das Mißgeschick würde einmal
müde werden, ihn zu verfolgen, und sich einen andern Spiel-
ball aussuchcn. Endlich hatten lange und bittere Erfahrungen
den armen Fritz an seinen Unstern glauben gelehrt, und die
traurige Uebcrzeugung daß ihm Alles mißrathe, machte ihn
nur um so unfähiger, seinem Unstern zu entrinnen. Da ihm
von allen Seiten auf das deutlichste zu verstehen gegeben wurde,
er sei ein Confusionarius und ein Tölpel, glaubte er es
schließlich selbst, wurde mißtrauisch gegen sich, immer schüchterner
und zurückgezogener, und wenn ihm, was nicht selten geschah,
einmal ein witziger Einfall auf der Zunge brannte, vertraute
er ihn nur ganz leise seinen nächsten Bekannten.

Ich kannte den armen Fritz besser, als die meisten andern;
er hatte mir in manchen Verlegenheiten bei Schulsachen aus-
geholfen, ich wußte wie unterhaltend er sein konnte, und da
ich deshalb einer der wenigen war, die den Zurückgezogenen
später nicht übersahen, da ich seine Gesellschaft aufsuchte und
für ihn manchen faden Spott anderer parirte und mitunter
derb zurückwies, so hielt der gute Junge mit einer dankbaren
Anhänglichkeit zu mir. Ich wurde der nächste Vertraute seines
offenen Herzens, und mein Ohr hörte all die witzigen Einfälle,
die in seinem Kopf aufschoffen, immer zuerst und meist allein.

Das Ende der schönen Univcrsitätsjahre trennte auch uns
und löste neben so vielen anderen auch unsre nähere Bekannt-
schaft. Ich sah ihn scheiden und konnte beim Abschied mich des
bangen Gedankens nicht erwehren: Armer Fritz! wie wirst du j
durch's Leben kommen! An wie viele Ecken wirst du dich stoßen, !
an wie vielen Nägeln wirst du hängen bleiben und dir die j
besten Röcke und Hosen zerreißen, und wo mag der Hafen
sein, in dem dir einst vergönnt ist zu landen!

Das neue Gcschäftsleben, neue Bekanntschaften, neue !
Sorgen verdrängten die Erinnerung an den Univcrsitätsfreund; j
da hatte ich vor etwa sieben Jahren einen kurzen Brief von
dem guten Jungen erhalten — Gott weiß, wie er meinen
Wohnort erfahren haben mochte! In dem Briefe meldete er
mir, daß er jetzt nach langen Hauslchrerplackcrcien und nach
manchem vergeblichen Angeln nack einer Pfarre, endlich in
Arnsdorf ein Plätzchen gefunden, um sieb häuslich niederzu-
laffen, und daß er in Folge dessen gcheirathct habe. Er hatte
mir auch den Namen seiner Frau geschrieben, ich hatte ihn
aber gegenwärtig wieder vergessen. Ich konnte ihm damals

nicht einmal auf sein freundliches Briefchen antworten, denn
es war ihm auch diesmal wieder, und dicSinal allerdings nicht
ohne seine Schuld, begegnet, daß er mir gar nicht angab, wo
dies Arnsdorf liege. Daß aber auch der Poststempel, bei dem
ich mir Raths erholen wollte über den Namen der nächste»
Poststation, gerade auf dem Briefe völlig verwischt und un-
leserlich ausgefallen war, gehörte wieder zu den Schicksalstücken,
welche die kleinen Unachtsamkeiten des alten Kameraden zum
unheilbaren Schaden vergrößerten.

Wenn der ehrliche Fritz aber hier in diesem Arnsdorf
sitzen sollte, so lohnte es sich wahrhaftig der Mühe, einmal
herauszuschaucn, um zu erfahren, wie es ihm denn eigentlich
gehe. Ich war daher kaum in dem Gasthof des Städtchens
gelandet und hatte meinen Wagcnlcnker befriedigt und heim-
geschickt, als ich, noch che ich mich nach einer neuen Gelegen-
heit zum Fortkommen umsah, zu erfahren suchte, ob das j
benachbarte Arnsdorf wirklich die jetzige Hcimath des ehemaligen j
Consusionsrathes Fritz sei. — Meine erste Frage an den wohl- !
beleibten Wirth, der mit abgezogenem Käppchen vor mir stand,
war daher, wie weit Arnsdorf von hier entfernt liege? „Eine
kleine Stunde!" war die Antwort. „Können Sie mir sagen,
wie der Pastor in Arnsdorf heißt?" — „Der Pastor dort!
Warten Sic ... ach, das thut mir leid, damit kann ich
augenblicklich nicht dienen; aber warten Sie, meine Frau,
die wird es vielleicht wissen! Heda, Frau," rief er zur Thüre
des Gastzimmers hinaus, „sag' einmal, weißt Du, wie der
Pastor in Arnsdorf heißt?" — „Der Pastor in Arnsdorf?"
so erklang die Antwort aus der Küche, „nun das ist ja der
Herr Weber!" — „Herr Weber, Ihnen zu dienen!" wieder-
holte der Wirth, der entweder glauben mußte, ich sei taub für
Frauenstimmen und diese war in der That laut genug, um
sie zu vernehmen, oder der es der Höflichkeit gemäß hielt,
in eigner Person die Antwort abzuliefern. — „Weber! nun
so war ich denn wirklich in der Nähe des rechten ArnSdorf's
und mein Entschluß war schnell gefaßt. Es war ein klarer
heitrer Sommertag, und nachdem ich erfahren hatte, daß ich
gar nicht irren könne, indem die Fahrstraße draußen gerade
nach Arnsdorf führe, erklärte ich dem Wirth, daß ich jetzt
sogleich in jenes Dorf hinüber gehen würde, er solle indessen
meine Sacken in Verwahrsam nehme», bis ich wiedcrkomme.
Nachdem mir der Wirth den einfachen Weg noch mchrinals
erklärt, immer dazwischen versichernd, man könne gar nicht
fehl gehen, jedes Kind müsse ihn finden, trat ich meine Fuß-
wanderung an. Bald langte ich am Ziel meiner Wanderung
an. Guter Fritz, fett konnte Deine Pfründe unmöglich sein,
und die Ansprüche, die hier befriedigt werden sollten, durften
sich wohl schwerlich hoch verstcigen! Die Hütten waren stimmt-
lich klein und ärmlich, vor den Thüren liefen hie und da
Kinder im einfachen von der Sonne gebräunten Naturklcidc
umher; Kapitalisten wohnten hier nicht, das hatte man auf
den ersten Blick weg! — Ich richtete meine Schritte auf die
kleine mit Schindel» gedeckte Kirche zu, und bald stieg vor
meinen Blicken ein Hauö auf, das sonder Zweifel die Pfarrei
sein mußte. Es war frcilick nur von wettcrgrauem Holz er-
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