Fliegende Blätter — 40.1864 (Nr. 965-990)

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Ein ästhetischer Gerichtshof.

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haltend, wirbelte er mit der linken unaufhörlich das zierliche
Schnauzbärtchen, in Erwartung der pikanten Dinge, die da
kommen zu wollen schienen.

„Eli bien!“ fuhr die Gräfin fort; „von einer Künst-
lerin verlangt man immer, daß sie schön sei. Nun könnte
ich mich auf Porträts beziehen, zu denen ich damals gesessen
habe, oder auf das Urtheil meiner Verehrer. Aber man
würde mir erwidern: „Die Maler schmeicheln und die Lei-
denschaft ist blind." Kurz, über ein so vergängliches Gut,
wie die Schönheit ist, läßt sich später gar nichts Gewisses
mehr constatiren. Wie schwer würde es Ihnen z. B. werden,
Herr v. Hohlfeld, nachzuweiscn, daß Sie ein schöner Jüngling
gewesen sind, man müßte denn das Urtheil Ihrer Frau Ge-
mahlin, der geborncn Frchin v. Drücker, für competcnt hin-
nehmen. „Aber das ist Geschmackssache!" könnte man ihr
füglich cntgegenhalten_"

Ein Lächeln glitt über die Gesichter der Versammlung;
nur Herr v. Hohlseld wurde furchtbar ernst und rief ent-
rüstet: „Hier ist nicht der Ort, Possen zu treiben und per-
sönliche Anspielungen zu machen. Wenn Sie dies nicht
unterlassen, meine Dame, so muß ich die Verhandlung
schließen."

Die Gräfin kam aber durch diese donnernde Anrede
nicht außer Fassung. Nur Alfred v. Haidcbnsch sank beinahe
vom Stuhle; er begann, an dem Verstände seiner Mutter
zu zweifeln.

Diese fuhr indessen ganz gemächlich fort: „Gehen wir
nun zum Kern der Frage über! Mein Vater war, wie
> Sie wissen, Garde -Uhlanen- Unteroffizier, und maß bei-
nahe sechs Fuß. Er war also unbestreitbar ein höherer
Militär. Und da bei der Herkunft eines Mädchens doch
nur der Stand des Vaters in Betracht kommt, so bin ich
gewiß einem höheren Stande entsprossen."

Durch die Reihen der Anwesenden lief ein lebhaftes
Gelächter, das man zu unterdrücken sich um so weniger be-
mühte, als es sich hier nicht um einen Criminal-, sondern
um einen Civilproceß handelte, in welchem man sich schon
einige Freiheit nehmen darf. Wer weiß es nicht, daß bei
solchen Gelegenheiten oft ganze Familiendramen mit sehr
drastischen Scencn aufgeführt werden!

Auch merkten die Anwesenden bereits, daß die lustige
Gräfin es darauf abgesehen habe, aus der Proceßvcrhandlung
eine Posse zu machen, was ihrem Witze um so weniger
mißlingen konnte, als die schwebende Frage schon an sich
etwas komisch war, zumal wenn die in ihrem Rechte bedrohte
Person dem Ausgange des Processes mit Gleichgültigkeit
cntgegcnsah. Und dies schien auch die Gräfin wirklich zu
thun, so ganz im Gegensätze zu ihrem cntmuthigten Sohne.
Warum sollten also die Zeugen, die ja zugleich ihre Bekann-
ten waren, nicht über das Wortspiel vom „höheren Militär"
lachen? Vielleicht thaten sie der Gräfin damit sogar einen
Gefallen.

Nur Levi Guckmaicr fühlte sich bei diesem eben zu
Protokoll gebrachten Beweisstück weniger, wie vorher, aufge-

legt, seinen Beifall durch Gebcrden zu erkennen zu geben.
Er war nämlich, wie alle verbissene Leute, ein kleiner Knirps,
der nicht einmal das Minimum des Militärmaßes hatte. Er
wollte daher bei diesem für ihn verfänglichen Thema nicht
die vergleichenden Blicke der Anwesenden auf sich ziehen und
blieb also ruhig auf seinem Stuhle hocken, indem er, seine
Feder prüfend, aus ein loses Blättchen wohl 20 mal den
Namen „Rebeckchcn" in den schönsten Zügen hinmalte. Das
gute bescheidene Rebeckchcn schätzte ihn ja so hoch trotz seiner
Kleinheit und trotzdem er noch immer nicht Assessor war!

Herr v. Hohlseld warf indessen doch, vielleicht aus Re-
vanche, einen sehr spöttischen Blick auf den kleinen Referendar,
indem er sich selbst stolz aufrichtete. Dies Mal fühlte er
sich nicht persönlich getroffen, denn er gehörte vermöge seiner
langen hageren Figur zu den allerhöchsten Leuten.

Als Alfred v. Haidebusch seine Mutter auf jene Weise
argumentiren hörte, war es um den kleinen Rest seiner

Fassung geschehen. Er erhob sich in einem Anfalle von

Wuth, schritt auf die Gräfin zu und machte ihr mit dem

größten Unwillen bemerklich, daß sie ihn und sich selbst mit
diesem drolligen Benehmen ins Elend stürze und was ihm
seine geängstigte Grafenseele noch weiter eingab. Aber die
schreckliche Frau hörte ihn gar nicht an und verwies ihn mit
einem kurzen: „laß mich nur machen!" zur Ruhe. Er

schwankte nach seinem Stuhle zurück und überlegte nun, ob
cs wünschenswerther sei, Herr Haidebusch oder Herr Roth zu
heißen. Den Grafen hatte er bereits aufgegeben.

IV.

„Meine Dame," hob der Vorsitzende wieder an, „fahren
Sie fort, aber beschränken Sie sich auf den eigentlichen Be-
weis, daß Sie wirklich eine Künstlerin waren." — „Sehr
gern," entgegnete die Gräfin; „ich werde mich auf die schrift-
lichen und mündlichen Ueberlieferungen aus meiner damaligen
Glanzperiode beziehen. Ich stelle Ihnen hiermit eine solche
vor" — sie winkte ihrem Begleiter mit den Drucksachen
unterm Arm, näher zu treten. — „Herr Wendclin Jmmer-
selig, ehemals gefürchteter Theaterkritiker, jetzt Inhaber einer
Destillation, mit der das Schenkrecht verbunden ist. Herr
Jmmerselig hat aber darum nicht etwa ansgehört, dem Geiste
zu dienen; denn wie er ehemals durch seine pikanten Kritiken
Kunst und Künstler förderte und die Geister berauschte, so
sacht er dieselben jetzt durch gute Spirituosen an. Er macht
sich also noch immer um die Welt der Geister verdient, denn
Sie werden zugeben, daß die zarte Pflanze des Seelenlebens
mitunter gleichsam einer Anfeuchtung bedarf, um nicht der
Abspannung zu erliegen."

Die Sprecherin warf einen schalkhaften Blick auf die
kupferige Nase ihres Begleiters, indem sie sehr behutsam
einen Schritt zurücktrat, um demselben Platz zu machen. Er
näherte sich hierauf dem Barreau und sagte, sich leicht ver-
beugend, mit ruinirter Baßstimme: „Wendclin Jmmerselig."

Allgemeine Stille und Sensation.
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