Fliegende Blätter — 40.1864 (Nr. 965-990)

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Zum Wohle der lei

jurienklage gegen Madame Staubig anstellen werde. Madame
Staubig gab zurück, daß ihr nichts in der Welt erwünschter
sei, als einen solchen „Menschen" los zu werden, und der
Gatte mußte sofort den alten Herrn herbeiholen. Der machte
zwar ein bedenkliches Gesicht, mußte aber schon seine Ein-
willigung geben, wenn seine älteste Tochter nicht durch eine
Jnjurienklage kompromittirt werden sollte. Der Kontrakt
wurde aufgehoben und Speichel verließ noch selbigen Tages
das Geschäft, welches nun Herrn Rudolph Staubig von
seinem Schwicgerpapa zu eigen übertragen wurde. Herr
Speichel kündigte darauf an, daß er das unter der Firma
„Ferdinand Speichel" bisher bestandene Geschäft mit Malerei-
Utensilien Herrn Rudolph Staubig überlassen habe, daß er
aber fortfahren werde, den „Speichel'schcn Hämorrhoidal-
Kräutertrank" zu bereiten und zu verkaufen. Er ersuche seine
geehrten Kunden, das ihm bisher geschenkte Vertrauen be-
wahren und mit gefälligen Bestellungen auf den Hämorrhoidal-
Kräutertrank sich an sein neues Geschäft (folgt die Straßen-
nummer) wenden zu wollen.

Das war es, was der alte Herr befürchtet hatte. So-
fort mußte Schimmelpfennig citirt werden zur Berathung
darüber, wie dem drohenden Verderben zu wehren sei. Der
hielt dafür, daß man dem Publikum ganz einfach den Sach-
verhalt auseinandersetzen müsse, daß nämlich Staubig der
Erfinder des Hämorrhoidal - Kräutertrankes und alleiniger
Besitzer des Geheimnisses sei, und daß Speichel nur die
Leitung des kaufmännischen Geschäftes in der Hand gehabt
habe; der Hämorrhoidal - Kräutertrank, welcher in seiner
wahren Vorzüglichkeit nur vom Erfinder und alleinigen Be-
sitzer des Geheimnisses bereitet werden könne, werde von nun
ab dem Publikum unter der Firma „Rudolph Staubig"
ofserirt, und zugleich vor der Gefahr des Gebrauches irgend
welcher Nachahmung desselben gewarnt. Diese Erklärung
wurde zu gleicher Zeit durch ein Dutzend Blätter in Form
eines fulminanten, recht in die Augen fallenden Aufsatzes
veröffentlicht. Kaum hatte Speichel diese Reklame gelesen,
als er auch zu Schimmelpfennig eilte, um diesen zur Aus-
setzung einer Gegenerklärung zu veranlassen; natürlich zeigte
sich der Letztere sofort bereit dazu, und es erschien nun in
denselben zwölf Zeitungen ein langer Aufsatz, welcher in
schönster Form alle die uns schon bekannten Thatsachen aus
der Vergangenheit des armen Rudolph, insonderheit seinen
Durchfall durch das Examen, seine Unfähigkeit als Apotheker,
seine frühere Schuldgefangcnschaft u. dgl. m. ausbeutete. Als-
bald ließ Staubig durch Schimmelpfennig eine Gegenerklärung
veröffentlichen, welche die Treulosigkeit Speichels im schönsten
Lichte zeigte, und nun folgte in den Zeitungen ein vollstän-
diger Krieg von Staubig contra Speichel, welchen die Feder
Schimmelpfennigs mit ausgezeichneter Geschicklichkeit in Scene
setzte. Lange Zeit war es fraglich, wer Sieger bleiben würde;
der scandalöse Vorgang hielt das Publikum vom Consume
des Häywrrhoidal-Kräutertranks aus jedem der beiden riva-
lisirenden Geschäfte zurück, als aber die geringen Mittel
Speichels vollständig erschöpft waren und Schimmelpfennig

idenden Menschheit.

sich in Folge dessen von ihm zurückgezogen hatte, mußte er
gar bald dem wohlhabenden Staubig unterliegen, dessen Ge-
schäft dann auch durch Schimmelpfennigs Geschicklichkeit
bald die frühere Blüthe wieder erreichte und sich von Tag
zu Tag glänzender gestaltete.

Georgine war dem interessanten Kampfe mit herzinnigem
Wohlbehagen gefolgt, denn eine jede auf Rudolph geschleuderte
Injurie mußte ja ein Stich in die Brust der Schwester sein,
die sie bitter haßte. Zudem war das Schicksal ihres Verlobten
nicht geeignet, ihre galligen Anfälle zu dämpfen; diesem
mußte nämlich eines Tages der alte Häßlich geradezu erklären,
daß, da nunmehr die „Mondschein- und Schlachtenkammer"
schon so gut wie überfüllt sei, er selbst bei dem besten Willen
für eine fernerweite Annahme von Schwabbelmännern die
Verantwortlichkeit vor dem Vereine nicht übernehmen möchte.
Es war dies eine entsetzliche Demüthigung für Georgine, zu
der sich die wohlbegründete Besorgniß gesellte, ob ihr geliebter
Theodorus Schwabbelmann auch im Stande sein werde, sie ein-
mal standesgemäß zu ernähren. Die eigenhändige Bereitung des
Geheimmittels hatte Rudolph längst aufgegeben, damit waren
in einem besonderen Laboratorium sechs Leute beschäftigt, vier
Leute arbeiteten im Comptoir, und Rudolphs ganze Beschäf-
tigung bestand in Essen und Trinken, Spazierenfahrcn,
Theater- und Cirkusbesuch, und was dergleichen Dinge mehr
„zum Wohle der leidenden Menschheit" erfunden sind. Die
theure Ehehälfte kümmerte sich nur noch ganz im Allgemeinen
um die Geschäftsbücher, der glückliche Rudolph hatte daher
immer die Tasche voll Geld. Dies kam auch seinem zukünf-
tigen Schwager zu Gute, welcher, mit den Freudenquellen
der Residenz gehörig vertraut, es sich angelegen sein ließ,
mit Rudolph zusammen auf dessen Kosten den Becher der
Lust zu leeren. Solche Expeditionen wurden natürlich nicht
bei Tage sondern Nachts unternommen und gaben der guten
Rosalie, welche immer irgend etwas haben mußte, worüber
sie sich ärgern konnte, Anlaß zur Entfaltung einer guten
Portion von Eifersucht. Sie hielt nämlich ihren lieben
Rudolph jetzt für einen äußerst gefährlichen Menschen, der
schlechterdings ein unverschämtes Glück beim schönen Ge-
schlechte haben müsse. Allerdings, wenn zu solchen Erfolgen
nichts weiter erforderlich ist als ein wohlhabendes Exterieur,
elegante Garderobe und eine tüchtige Tasche voll Geld, so
hatte die gute Frau mit ihren Befürchtungen nicht Unrecht;
ja, hätte sie gewußt, daß ihr Rudolph sich sogar den „kleinen
Schwerenöther in der Westentasche" gekauft hatte, nach welchem
er sein ganzes Wesen umzumodcln strebte, dann würde sicher-
lich jene Leidenschaft einen noch höheren Grad erreicht haben.

Wie gesagt, Georginens Erbitterung über den Wohl-
stand ihrer Schwester stieg von Tag zu Tag; sie marterte
ihr Gehirn förmlich ab, etwas herauszufinden, wodurch sie
ein wenig Wermuth in den Glücksbecher der Schwester
mischen könne.

Eines Tages, als sie Herrn Theodorus Schwabbelmann
erwartete, nahm sie sich, die selbst durchaus nicht eifersüchtig
war, vor, ihren schwatzhaften Geliebten zu sondiren, um
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